Es ist schon fast wieder dunkel. Die Tage sind fast kürzer als die Nächte und ich liege immer noch im Bett nach zwölf Stunden Schlaf. Semesterferien!
Nach drei harten Monaten Studium mit einer Anwesenheit von 30 Prozent und weniger, wurde es ja auch langsam wieder Zeit für einen ausgedehnten Urlaub. Nachdem ich eine lange Liste von Aufgaben in der ersten Woche meiner nun dreimonatigen Pause aufgestellt hatte, stelle ich fest, dass ich doch noch viel Zeit habe, um sie umzusetzen. Eine Woche mehr oder weniger Faulenzen macht ja keinen Unterschied.
Die zurückliegenden Klausurwochen waren auch nur Dank unerlaubter Hilfsmittel einigermaßen erfolgreich. Daher sollte ich in den Ferien schon mal etwas lernen für das nächste Semester, ist dann mein unerschütterlicher Grundsatz für meine nähere Zukunft. Aber wie gesagt, ich habe ja noch Zeit.
Vielleicht hätte ich wegfahren sollen. Irgendwo hin in sonnige Gefilde, um sich so von dem Lernstress zu erholen. Ich stelle aber fest, dass meine Berufsausbildungsförderung dafür nicht reicht und mein durch Nebentätigkeit erspartes Geld, doch besser auf dem Konto bleiben sollte. Aber zu Hause ist es ja eh am schönsten, denke ich mir.
Mein Tagesablauf ist penibel geplant. Nachdem ich aufstehe, wird erst einmal gefrühstückt - in normalem Haushalten wäre dies die Teezeit. Die erste Maßnahme die ich dann ergreife, ist mein Bettzeug zu meiner Couch zu bringen. Ist einfach gemütlicher, wenn man seinen Kopf auf zwei Kopfkissen legen kann, um ihn beim Fernsehen in der richtigen Position zu halten. Nachdem ich ferngesehen, telefoniert und Computer gespielt, oder sonst etwas Unnützes getan habe, ist es Zeit um so gegen 20 Uhr etwas zum Mittag zu essen. Danach wird entweder wieder ferngesehen oder ich gehe aus, um mir gegen vier Uhr morgens meinen achten und letzten Cocktail zu geben. Vorzugsweise Tequilla Sunrise.
Mit Sehnsucht blicke ich auf meine Kindheit zurück, als mir noch gesagt wurde was ich zu machen habe und als man die Verantwortung immer auf jemand Erwachsenen schob. Damals schienen die Ferien in einem Augenblick an mir vorbeizuziehen. Und man musste sich nicht gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen und konnte einfach man selbst sein. Ich merke, dass man sich in jeder Etappe des Lebens an die vergangenen und die damit zusammenhängenden Vorzüge gerne zurück sehnt.
Noch 6 Wochen bis zu Semesterbeginn. Weiterhin ist meine Motivation weder groß genug etwas zu lernen, noch meine Zeit der Aufgabenliste zu widmen, die ich mir aufgestellt hatte. Ich frage mich, wie ich einen späteren Job ausüben kann. 40 bis 60 Stunden Arbeit die Woche und dies über 40 Jahre hinweg stelle ich mir schwer vor durchzuhalten, in meiner jetzigen Verfassung. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn man mit dem Studium nicht so schnell fertig wird, dann kann man sich langsam an die Arbeitswelt heranbewegen.
Angst beschleicht mich, ob ich dem Druck gewachsen bin, der noch auf mich zukommen wird. Ich möchte niemanden enttäuschen, vielmehr möchte ich meine Mutter nicht enttäuschen, die nie das Privileg hatte zu studieren. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre nie geboren, dann müsste ich solche Überlegungen nicht anstellen.
Auf der einen Seite fühlt man sich sehr gelangweilt, aber dennoch will man nichts dagegen tun. Es ist ja auch nicht schlecht einfach mal nichts zu tun und nur Musik zu hören, oder am Fenster zu stehen, um die Betriebsamkeit in der Außenwelt zu beobachten, an der ich in nicht teilhaben will.
Alle zwei Wochen einkaufen zu gehen, genügt ja auch um sich gesellschaftlich zu betätigen und volkswirtschaftlich seinen Beitrag zu leisten. Ich sehe dann andere Menschen, die glücklich zu sein scheinen. Sie sehen normal aus, gehen wahrscheinlich einer geregelten Arbeit nach und verkörpern eine Normalität vor der ich Angst habe. Das Leben doch erst lebenswert ist, wenn man etwas Besonderes geschaffen hat, erfolgreich ist, einfach etwas an das sich auch andere erinnern, oder ?
Geld zu haben, denke ich mir oft, das würde meine Sorgen mit einem Male lösen. Ich könnte einfach das Tun was ich will, in völliger Unabhängigkeit. Niemand könnte mir etwas sagen. Ich könnte mir die Freiheit erkaufen, die ich mir so sehr wünsche und mich von dem Druck befreien den ich immer verspüre, in allem was ich tue. Ich könnte sagen was von nun an läuft. Ich hätte die Macht nein zu sagen. Es gibt doch viele Menschen die Geld haben, aber kein Talent. Ich sehe sie tagtäglich: Gleich ob Sport, Musikindustrie oder Fernsehen. Was haben die, was ich nicht habe ? Vielleicht kommt meine Zeit noch und ich werde einfach warten müssen.
Am Ende meiner langen Ruhepause fühle ich mich noch viel kraftloser als zu Beginn der Ferien. Vielleicht sollte ich die erste Woche im Semester nicht zu den Vorlesungen gehen, sondern versuchen wieder in einen geregelten Schlaf - und Arbeitsrhythmus zu kommen, abends ins Bett gehen und morgens aufstehen. Nach vier Werktagen am Stück, die ich die Hochschule besucht habe, fühle ich mich wieder ziemlich leer und ausgelaugt. Hoffentlich habe ich bald wieder Urlaub um zu entspannen.