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krieg oder der abgrund menschlicher erinnerung

von Stephan Großmann


inmitten riesigen, das sonnenlicht reflektierenden spiegelstücken, die überall auf der erde herumliegen, so dass ihr antlitz noch freundlicher, noch heller schien, stand es hocherhoben und ehrwürdig. beinahe liebenswert. die umgebung scheint unendlich und doch nur aus dieser einen szene bestehend, neben dem bild und dem erhellendem schein der reflektierenden sonnenstrahlen befindet sich nichts weiter. ich sehe es, ohne einen einzigen blick darauf zu werfen. ich rieche es, ohne dass ein quäntchen luft meine nasenflügel durchströmt. ja ich schmecke es sogar. als wäre es hier. bei mir. als würde es neben mir platz nehmen. ich fühle die blicke, die wärme die es ausstrahlt. was ist es? ich weiß es nicht, doch es umschlingt mich. eine mischung aus nichts und allem. es ist zum greifen nah. wieder diese blicke. sie sehen mich an. lange, starr, alles in sich aufnehmend; böse. Die erscheinung der wunderschönen gestalt ändert sich, färbt sich schwarz. als käme einer daher und fresse alles licht auf. einzig die augen - diese augen - mit diesen blicken, bleiben zurück, kalt und unerbittlich haften sie auf den meinen. ich werde duchbohrt, gnadenlos gejagt, ohne eine chance zur flucht. immer mehr augenpaare treten aus dem sich ausbreitenden dunkel hervor. sie starren mich an, einige weinen. das gedränge wird dichter, bald sehe ich nur noch augen. blaue, grüne, braune, deutsche, jüdische, menschliche. sie schwirren durch den raum - auch durch die zeit - ohne erkenntliches ziel, sie wachsen zu riesigen gebilden heran, schrumpfen im nächsten moment zu zwergenhaften verengten sehschlitzen. ich kann mich sehen, durch sie selbst. durch jedes auge erblicke ich diese traurige wimmernde gestalt, die attackiert wird. ich fühle mich als jäger und gejagter zugleich. ich bin das opfer. ich bin die augen. viele augen, viele opfer...
"Hey! Hey Junge, wach auf!! Was faselst du dauernd von Gewissen? Und wo willst du nie mehr hin?"
"Schon gut Mutter, ich komme gleich. Ist der Kaffee noch heiß?", entgegne ich und versuche meine blutverschmierten hände unter der decke zu verstecken.
sie sind sauber. der krieg ist vorbei.