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Von der Bedeutungslosigkeit großer Ereignisse

von ILJA


Die Planeten standen fast perfekt. Noch eine knappe Stunde und sie hätten die größte Annäherung in der großen Konjunktion erreicht, eine Konstellation die es vor ca. 1000 Jahren zuletzt gab, was für ein Ereignis. Gespannt saß ich vor dem Fernrohr. Es war schon toll, ein kosmisches Spektakel dieser Größenordnung zu sehen.
Aber, ich lehnte mich zurück, welche Bedeutung hatte dieses Ereignis wirklich? Gut, es fand unvorstellbar weit entfernt statt. Und es kam in sehr langen Zeitabständen vor. Kein Mensch würde es 2 mal sehen, es gab davon keine Fotos, Reportagen oder Filmdokumente. Es war also ein großes Ereignis, weil es so selten war.
Aber ich als Individuum bin nicht nur selten, sondern einzigartig. Mich gab es nicht vor 1000 Jahren und mich wird es auch in 1000 Jahren nicht noch einmal geben, es sei denn die Klontechnologie macht die Einzigartigkeit eines Jeden von uns zunichte. Also warum werde ich nicht von allen bestaunt, mein Leben dokumentiert, ich, der ich nur einmal bin? Warum richten sich nicht alle Blicke auf mich und sagen: Dieser Mann ist einzigartig, was für ein Ereignis.
Andererseits, wenn alle Menschen auf mich schauen würden, wer schaut dann auf sie? Auf sie, die sie alle ebenso Individuen sind wie ich? Es gibt Milliarden von Menschen auf diesem Planeten und bei dieser Zahl ist die Einzigartigkeit scheinbar nicht mehr von Bedeutung. Einzigartigkeit reicht nicht aus, um die Blicke aller anderen Einzigartigen auf sich zu ziehen. Man muss sich schon hervortun, etwa durch besonderes Aussehen, besondere Leistungen, besondere Grausamkeit. Derer gibt es nun nicht wenige, also richten wir unsere Blicke dahin, wo etwas einzigartiges oder seltenes passiert. Zum Beispiel in den Himmel, ins All, auf die Planeten und ihre endlosen Bahnen durch die Jahrtausende.
Jahrtausende ... Eine kaum vorstellbare Zeitspanne.
Was ist Zeit? Der Blick auf die Uhr verrät uns die Uhrzeit, die ständig vorwärtsstürmende, keinen Halt machende Zeit. Sie ist nicht greifbar, ständig vergehend, sie gehört zu unserem Leben.
Gibt es einen Zeitpunkt, einen Punkt in der Zeit? Wozu? Dieser bestimmte Augenblick ist vorbei, sobald wir ihn registriert haben. Zeit ist fließend, ich habe das Gefühl, mich ständig in der Vergangenheit zu befinden, alles was ich tue oder sage ist gleich darauf vorbei, vergangen.
Was ist die Gegenwart? Sobald ich das Wort ausgesprochen habe, ist es schon Vergangenheit. Wir haben die Zeitpunkte scheinbar erfunden, um uns später besser erinnern zu können. Erinnerung, was für eine Gabe. Ich erinnere mich an meine Vergangenheit, die Zukunft kenne ich nicht. Aber sie ist ständig dabei zu vergehen, Vergangenheit zu werden, also kenne ich sie später doch.
Ich widmete mich wieder den Planeten. Es müsste gleich soweit sein, der Zeitpunkt der nahezu perfekten Konjunktion war gekommen. Und gleich würde er vergangen sein.