Die Farblehre war ein Thema, dass ihn schon immer beschäftigt hat. Sie leuchtete ihm nicht ein.
Drei Grundfarben soll es geben, Rot, Blau und Gelb, soweit so gut. Es waren Farben, die man nicht anmischen konnte, auch gut. Aber warum nannte man sie Grundfarben?
Die Antwort, dass aus ihnen alle anderen Farben gemischt wurden, war wenig befriedigend.
Hatte sich etwa jemand hingestellt und das Grün der Blätter gemischt? Vielleicht der liebe Gott? Wohl kaum.
Wie kann eine Farbe, die uns die Natur ständig vor Augen hält, keine Grundfarbe sein?
Der Lehrer des Zeichenunterrichts hatte da seine eigene Anschauung. "Schaut Euch an, seht es tief in Euch, wir alle sind Kinder der Natur, wir alle sind grün." Kichern und Lachen waren für gewöhnlich die Folge. ‚Wir ALLE sind grün', der hatte sie scheinbar nicht ALLE.
Selbst wenn man sie akzeptiert, diese drei Farben, welches Blau ist nun das "Grundblau"? Das Blau des alles überspannenden Himmels, das Blau des Wassers, das Blau des Topas, die Blaubeere, das Blau der Kornblume, das Blau von Kobalt, welches?
"Wasser ist nicht Blau." war die knappe Antwort des Lehrers, aber er redete wenigstens nicht von Grün. "Das Blau des Wassers ist eine Reflektion vom Blau des Himmels, Wasser ist farblos."
Soso, farblos, da hatte er aber scheinbar den kleinen Fluss, der sich durch die Stadt schlängelte, noch nicht genauer betrachtet. Es war eine seltsam gefärbte, grünbraune Brühe, hier hätte er mal Recht gehabt mit seinem Grün.
Rot, Indianer wurden Rothäute genannt, in Kino und Fernsehen sahen sie nicht wirklich Rot aus. Chili war sehr schön Rot, die leckeren Johannisbeeren ebenfalls, Äpfel konnten rote Backen bekommen, Tomaten wurden Rot, es gab rote Kornblumen, Zinnober war auch Rot. Wer entschied nun über das perfekte Rot, das Rot, das den Grundton aller roten Farben darstellte?
Die Sonne wurde immer Gelb gemalt, er schaute zum Himmel und musste blinzeln. Nein, Gelb war das in seinen Augen nicht. Chinesen wurden als Gelb bezeichnet, aber das konnte er ebenso wenig nachvollziehen, wie das Rot der Indianer.
Der gegrillte Mais vom Rummelplatz leuchtete Gelb und verlockend, es gab gelbe Melonen und Paprika, gelben Sand, Bananen waren Gelb und Schwefel auch. Es gab auch gelbe Kornblumen, dass hatte er gelesen.
Kornblumen. War das der Schlüssel, sollte es so einfach sein? Er blätterte in den Büchern seines Vaters und wurde fündig. Nein, das konnte es nicht sein, zumindest was das Rot betraf. Blau und Gelb kamen der Sache schon sehr nahe; er hatte zum Vergleich einen Malkasten neben das Buch gelegt.
Aber vielleicht hatte sich über die vielen Jahre der Ton des "GrundRot" verändert, vielleicht war auch die Kornblume früher Roter?
Es gab das Gelbe Meer, bezeichnender Weise lag es bei den gelben Chinesen. Es war ein wenig gelblich, weil ein Fluss - natürlich der Gelbe Fluss - dort seinen Schlamm hineinspülte.
Auch das Rotes Meer gab es, über die Namensgebung waren sich die Experten etwas uneinig. Die Einen meinten, der Name stammt vom roten Seegras, das dort wächst. Die Anderen begründeten es mit der "östlichen Ideologie".
Danach wurden den Himmelsrichtungen Farben zugeteilt, Rot stand z.B. für Süden, Schwarz für Norden. Von Persien aus betrachtet, lag das Meer im Süden, also Rot. Und ein Anderes im Norden, daher Schwarz.
Meere werden ja im Allgemeinen als Blau bezeichnet, aber da fiel ihm wieder sein Lehrer ein: "Wasser ist nicht Blau ..."
Ein polnischer Regisseur hatte mal eine Trilogie gedreht, mit Namen "Drei Farben". Zumindest zwei davon waren Blau und Rot, die andere Weiß.
Auch da kam ihm wieder sein Lehrer in den Sinn. "Weiß, Grau und Schwarz sind keine Farben, sondern Schattierungen." Da hat der Herr Regisseur wohl etwas daneben gehauen, ebenso die östlichen Ideologen mit ihrer Nordfarbe. Die Begründung der Filmtitel mit den Farben der französischen Fahne und Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war da wenig von Bedeutung.
Freiheit war Blau, Gleichheit Weiß und Brüderlichkeit Rot.
Blau wie der weite Himmel, Weiß wie, ja wie was eigentlich? Weiß stand für Gleichheit, es gab halt nur ein richtiges Weiß, alles andere wäre dann schon Grau. Weiß wie die Sommerwolken und Rot wie ein Sonnenuntergang. Brüderlichkeit - Rot, also eher wie das Rot des Blutes.
Ein bisschen verwirrend fand er die Sache mit dem Rotkohl. Der wurde auch als Blaukraut bezeichnet. Da gab es doch diesen schönen Zungenbrecher:
Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid.
Seine Oma hatte ihm das so erklärt. "Dieser Kohl schimmert rötlich, hinterlässt aber bläuliche Flecken, daher diese zwei Namen." Rote Farbe hinterlässt Blaue Flecken, so langsam wurde ihm etwas schwindelig.
Wenn Blätter Blau wären, dann wäre eine Erklärung der drei Farben sehr nahe. Sie wären übers Jahr Blau, färbten sich im Herbst Gelb und Rot, fertig.
Sie waren aber nicht Blau, sondern Grün.
Auch darüber hatte er schon einiges gelesen.
Es lag am Chlorophyll, dem grünen Wundermittel, durch das die Pflanzen per Photosynthese ihre Energie bezogen. Für das Gelb waren Carotinoide zuständig und für das Rot sorgte ein Farbstoff namens Antozyan.
Aber es gab doch auch rote Blätter, z.B. Pflaumen- und Kirschbäume mit tiefroten Blättern oder die rotblättrige Buche hinter dem Haus, wie war es bei denen?
Oder mit den blauen Nadeln der Tanne auf dem Nachbargrundstück? Nadeln waren schließlich auch Blätter. Aber diese verfärbten sich nicht im Herbst und blieben am Baum.
Nur die Nadeln der Lärche, die verfärbten sich im Herbst Gelb und wurden abgeworfen. Aber die waren übers Jahr auch Grün.
Je mehr er darüber nachdachte, desto verwirrender wurde es und so langsam kam er in seinen Gedanken vom Thema ab.
Also nochmal von vorn, wie war das jetzt?
Es gibt drei Grundfarben. Rot, Blau und Gelb ...