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Ein letzter Tropfen

von ILJA


Die Musik dröhnt laut.
Er hat die langen Haare hinter die Ohren geklemmt, kaut auf einem Stück Pizza herum und sieht mich mit seinen blauen Augen unschuldig an. Seine Stimme übertönt den Lärm.
"NEIN."
Ich warte. Doch er wendet seinen Blick ab und seine Aufmerksamkeit wieder der Pizza zu.
Ich verliere die Beherrschung. Meine gute Erziehung, mein Verständnis und meine Freundlichkeit, alles löst sich in Sekundenbruchteilen in Luft auf.
Ich bohre meinen Finger in seine fettige Pizza und befördere sie mit einem Ruck vom Teller. Und schon gilt seine Aufmerksamkeit wieder mir. Er sieht nun gar nicht mehr unschuldig aus. Sein Gesicht verzerrt sich vor Wut, seinem Pizzamund entweichen Worte wie in fremder Sprache. Ich spüre Genugtuung. Er springt ruckartig auf, sein Stuhl kippt nach hinten. Ich schlage ihm mit der Faust ins Gesicht, er reißt die Hände hoch. Zu spät. Blut und Pizza spritzen aus seinem Mund. Er strauchelt, ich befördere den Tisch mit einem Tritt zur Seite und stürze mich auf ihn. Adrenalin schießt in mein Blut, es schärft meine Sinne, die Sekunden auf meiner Uhr ticken langsamer. Wie besessen schlage ich auf ihn ein. Haut platzt auf, Blut spritzt, in seinem Gesicht, an meinen Händen. Ich spüre keinen Schmerz, er anscheinend schon. Er schreit, nein brüllt, versucht erst sich zu wehren, dann sich zu schützen. Ich bin wie berauscht, mein Gehirn hat keine Kontrolle mehr, ich funktioniere auf dem kurzen Dienstweg, unfähig Mitleid, Gnade oder Reue zu empfinden. Ich höre ihn röcheln, doch verstehe ihn nicht mehr. Die Musik dröhnt laut aus den Boxen, sie ist mein Taktgeber, der Soundtrack zur Hölle. Meiner Hölle, seiner Hölle. Seine Knochen knacken als ich ihm mit kräftigen Tritten den Rest gebe. Mein Atem geht schwer, Tisch und Stuhl sind willkommene Hilfsmittel um mein Werk zu vollenden.
Dann kann ich nicht mehr, ich wanke, schwitze, keuche, bin völlig ausgepumpt. Er liegt auf dem Boden, zwischen Pizza, Stuhlbeinen, einem halben Tisch und jeder Menge Blut, seinem und meinem. Sein Gesicht ist eine rohe, fleischige Masse, sein rechter Arm liegt unnatürlich verdreht unter ihm. Seine Sachen sind blutdurchtränkt, sein Atem geht stoßweise.
Ich komme langsam wieder zu mir, meine Hände sind blutig und geschwollen, ein Film aus Schweiß und Blut bedeckt mein Gesicht. Ich beuge mich über ihn, spucke auf die blutige Masse die sein Gesicht war.
"Falsche Antwort, du kleiner Pisser!", höre ich mich sagen. Ich richte mich auf, Blut klebt an meinen Wimpern und verschleiert meinen Blick. Ich suche und finde, ich reiße die Kabel der Lautsprecher ab. Die erlösende Stille wird nur von seinem Röcheln und meinem Schnaufen gestört. Dann drehe ich mich um und gehe langsam zu meinem Platz zurück.


Die Musik dröhnt laut.
Er hat die langen Haare hinter die Ohren geklemmt, kaut auf einem Stück Pizza herum und sieht mich mit seinen blauen Augen unschuldig an. Seine Stimme übertönt den Lärm.
"NEIN."
Ich warte. Doch er wendet seinen Blick ab und seine Aufmerksamkeit wieder der Pizza zu.
Ich unterdrücke meine Wut, drehe mich um und gehe auf direktem Weg zum Platzwart. Schon wieder.
Noch fehlt ein letzter Tropfen, der eine, der das Fass überlaufen lässt. Noch.

Aber nächstes Mal.