Welches Jahr und welchen Tag schreiben wir schon wieder im uns so wichtigen Kalender? Ist das überhaupt so wichtig?
Eine leichte Brise streichelt mein Gesicht im Dämmerlicht wie ein lieber Freund. Ich sitze schon seit längerer Zeit auf meinem Lieblingsfauteuil. Oder ist es eher meine Lieblingsecke, in welchem ebendieses Fauteuil meiner Grossmutter einen Platz gefunden hat? Viele Menschen würden der Konzentration zu liebe an einem Stuhl oder an einem Tisch sitzen. Aber ich geniesse es, mich wie eine träumende oder über die Welt sinnierende Kreatur in eine Ecke zu kuscheln, mit warmen und doch angenehm kühlenden Wänden an meinem Rücken. Somit ist meine Weltsicht gegen vorne hin räumlich begrenzt. Aber meinen Gedanken - gelenkt durch meine halbgeschlossenen Augenlieder - gibt es die Freiheit zu fliegen, da sie sich nicht bemühen müssen, wertvolle Energie damit zu verschwenden, was wohl hinter meinem Rücken vor sich gehen könnte. Manche Gedanken fliegen leicht wie Kolibris von Blume zu Blume - andere Gedanken wiederum versuchen zu fliegen oder wünschen sich, fliegen zu können. So wie eine Wasserschildkröte, die sich nichts sehnlicher wünscht, als Schmetterlingsflügel zu besitzen. Meine Gedanken kennen weder Raum noch Zeit. Gedanken der Vergangenheit und Gegenwart sind zu einer Skulptur aus verschieden farbigem Glas durch die Wärme der intensiv erlebten und gelebten Augenblicke meines Lebens zusammengeschmolzen. Eine Fantasieskulptur: überdimensionale Blumen, Tiere, Wasserfälle...
Hätte ich nicht immer die Kraft gehabt diese Augenblicke zu leben und zu erleben, bin ich mir jedoch absolut sicher, dass sie im Hintergrund meines Selbst für mich durch eine magische Kraft gelebt worden wären und hätten sich somit in einer dieser Skulpturen manifestieren können.
Um die Zukunft kümmere ich mich nicht mehr so oft wie früher, ist sie aus meiner Sicht gesehen nichts anderes, als das Resultat intensiv gelebter Momente und Ereignisse der Vergangenheit und Gegenwart.
Gedämpfte Stimmen dringen von der Strasse her an mein Ohr, vermischt mit den Geräuschen des Regens ist es wie ein Singsang. Nicht das intensive Singen der Zikaden, bevor die alljährliche Hitze ihren Höhepunkt erreicht und diese stolzen Sänger im grossen wiederkehrenden Regen in stumme, zu hunderten am Boden liegende Nichts verwandelt werden. Nein, es ist so ein Singsang wie an dem Tag, als hunderte Menschen aus Canudo (1) vom Sertão (2) her in unsere Stadt einzogen, und ich als kleines Mädchen in meinem frisch gestärkten gelben Sommerkleid verstohlen durch die halbgeschlossenen Fensterläden äugte, um dem Zug von animalisch wirkenden, halbverhungerten, von Soldaten getriebenen, MENSCHEN zuzusehen. Der Anblick liess mich inmitten der Hitze zu einem Nichts erstarren, unfähig wegzusehen, unfähig zu weinen, unfähig wegzurennen.
Oder wie beim ersten grossen Regentag, dem mein Dorf jeweils mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegensah. Der Tag, welcher die Trockenzeit beendete und viele Menschen der ärmeren Bevölkerungsschicht für kurze Zeit in einen panikartigen Zustand versetzte. Es folgten Tage, an denen sich die sonst so leuchtend sandig roten Strassen und Wege in lehmartigen Schlick verwandelten und es so aussah, als wäre das barfüssige Schlittschuhlaufen für Mensch und Tier (ausgenommen natürlich Insekten, Vögel und Fische) im Sertão von Brasilien erfunden worden. Bündel mit Habseligkeiten wurden geschnürt, Fleisch und Früchte als Wegproviant getrocknet, ein bis zwei Ziegen und magere Milchkühe an Stricke gebunden, so dass sie mit Alt und Jung schrittmässig mithalten konnten. Mitlaufende Hunde wurden unerbittlich ins Dorf zurückgetrieben, wo sie dann nächteweise ihrem Leid jaulend freien Lauf liessen oder aber bellend ihr Territorium verteidigten. Durch den Regen war die Landwirtschaft zum Stillstand verdammt.
Doch nicht nur durch den Regen, auch der Lauf der Zeit musste Tribut gezollt werden. Zucker und Café wurden schon längst nicht mehr in dieser Region der Sertaos angepflanzt und geerntet. Die Goldadern hatten nur noch trockenen Sand in ihren Eingeweiden.
Die Sklaverei war abgeschafft. Zuerst wurden die einheimischen Indios wie fleissige Ameisen auf den Plantagen eingesetzt. Jedoch körperlich nicht kräftig genug, wandelten sie sich von fleissigen Ameisen zu sterbenden Fliegen. Schnell wurde in Angola Ersatz gefunden. Die stählernen Körper der schwarzen Angolaner waren Gold wert. Zu Zigtausenden wurden sie jährlich monatlich von Angolas Haupstadt Luanda nach Salvador de Bahia im Norden Brasiliens verschifft. Zusammengepfercht wie Vieh in, von weitem her stinkenden Leibern von Riesenbooten. Viele schafften es nie in das grösste Land Lateinamerikas.
Es wurde bis zum geht nicht mehr Barbarentum getrieben, damit Portugal einen guten Ertrag aus der Kolonie Brasilien erwirtschaften konnte. Café mit viel Zucker war das Lebenselixier in doch so vielen guten Häusern. Endlich, nach langen Verhandlungen schaffte es England die Regierung Brasiliens dazu zu zwingen, vertraglich der Sklaverei ein Ende zu setzen. Noch Jahre vergingen, bis auch im Hinterland viele Menschen "frei" waren. Frei bedeutete, dass sie zu einem Kleinstlohn auf den gleichen Plantagen weiterarbeiten konnten.
Aber was konnten sie mit der Freiheit wirklich tun? Waren sie doch jetzt Sklaven des wirklichen Lebens, Sklaven der Sonne, des Regens und der Gesellschaftsschichten.
Manchmal denke ich, wir Menschen sprechen von Freiheit und lassen uns doch versklaven. Natürlich wird das Wort nicht ausgesprochen, da es ja eine freiwillige und manchmal gar nicht so offensichtliche Versklavung ist. Macht es nicht Sinn, sich bei so Vielem zu hinterfragen? Ob das Tun und / oder die Reaktion aus eigenem Antrieb erfolgt? Oder ob der Antrieb der Gesellschaft und der Druck der Masse die auslösende Kraft ist?
Somit waren diese freien Kleinbauern also zu Sklaven oder besser zu Nomaden des Regens geworden. Wo gab es ein Stück Land, welches einen Mindestertrag für die Selbstversorgung einbrachte? Schon längst hatten Tausende den Traum aufgegeben in der grossen Stadt Geld verdienen zu können. Die Slums in den grossen Städten wuchsen und wachsen immer noch wie krebsartige Geschwüre. Diese, die Stadtränder umsäumenden, Hüttenmeere blähen sich in der tropischen Feuchtigkeit auf wie ein hefehaltiger Pizzateig, der nicht mehr so recht in der Form der Stadt zu halten ist und langsam aber sicher ins Landesinnere zu fliessen droht.
Als Kind waren für mich die Tage, an denen der grosse Regen begann, immer ein Fest. Gab es doch am Ende unserer Strasse in meinem Dorf im Sertao ein ganz besonderes Haus. Sobald der Regen begann, zog Rauch durch den alten Kamin in den Himmel. Grau in Grau mit den Wolken verschmelzend. Rosalina, eine edel anmutende ältere Frau nannte das fröhlich grün gestrichene Haus stolz ihr Eigentum. Ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, eine Küche ohne Türe hinaus auf eine Veranda in den Garten, wo sich meist bis zu einem Dutzend Katzen und ein paar struppige Hunde tummelten. Schon von weitem roch es nach frischgebackenem Maisbrot und das Zerstampfen der Maniokwurzeln (3) in einem riesigen Mörser gab den Rhythmus zu den Volksliedern, die wir dazu sangen.
Rosalina hatte nie selber Kinder und war auch nie verheiratet. Für viele Jahre diente sie als Domestica (4) im Hause des Bürgermeisters. Sie war mehr als eine Domestica: sie war für so viele kleine Leute des Dorfes eine weise und gutmütige Beraterin, gegen so viele Krankheiten kannte sie ein Kraut oder eine Wurzel, welche sie im Morgengrauen pflückte oder ausgrub und verschiedene Tees und Tinkturen herstellte. Ohne Rosalina hätte unser Dorf nicht geblüht. Singend hüpfte sie auch noch als ältere Frau, ein farbiges Tuch um ihre Schultern gebunden, durch die Strassen; immer mit einem Lächeln auf ihren Lippen und viel Freude in ihren flinken Fingerspitzen.
Es wäre als hätte sie nach folgendem Spruch gelebt:
Tanze, als würde dir niemand zusehen.
Singe, als könnte dich keiner hören.
Liebe, als wärst du nie verletzt worden.
Lebe, als sei Himmel auf Erden!
Als es Rosalinas Jahre ihr zum Geschenk machten, dass sie in ihrem grünen Haus Ruhe von der Arbeit als Domestica finden konnte, erwachte in ihrem müden Köprer noch mehr als früher ihr Geist. Was für wundervolle Geschichten sie doch erfunden und nacherzählt hat. Rosalina die Geschichtenerzählerin.
Von weither kamen die Menschen, um ihr an den ruhigen Abenden in der Regenzeit zuzuhören. War es nicht möglich wegen der aufgeweichten Strassen unser Dorf zu erreichen, legten viele tausend Hände Bretterstege, so dass die Pferdewagen fast schon mühelos zu Rosalinas Häuschen gelangten. Es war immer genug Platz unter ihrem Dach für Gross und Klein. Nie werde ich diese Abende vergessen können.
Noch als ich im Dorf wohnte, ging Rosalina leider von uns. In einer mondvollen Nacht mit einem Lächeln auf den Lippen schlief sie sanft ein. Wie gross war doch der Trauerzug, mit gesenkten Köpfen war es ein unendlicher Zug von Menschen, welcher dem Sarg zur Dorfkirche folgten. Mit Tränen in den Augen standen wir einfach so am offenen Grabe da, mit tröstenden Worte des Dorfpriesters. Die Kraft von Rosalina zauberte jedoch ein Licht unter die Menschen, als würde immer die Sonne scheinen.
Ich bin sicher Rosalina erzählt ihre Geschichten weiter. In uns und unter uns. Ihre Kraft wird nie versiegen. Ab und zu besuche ich mein Dorf im Sertão. Jedes Mal statte ich auch dem Grab von Rosalina ein Besuch ab, um ihr persönlich für all die schönen Geschichten zu danken. Melancholie vermischt sich jedes Mal mit Tränen auf meinem Gesicht, aber ihre positiven Gedanken verleihen mir immer wieder von neuem Flügel.
Ich wünsche uns allen, dass wir die Rosalinas dieser Welt, wo und wann auch immer wir sie antreffen, erkennen lernen und ihre Gabe schätzen können.
Man sieht nur mit dem Herzen gut.
1) Canudos liegt in der kargen Landschaft des Sertão, die Ende des 19. Jahrhunderts von großer Armut geprägt war. Seit den 1870er Jahren zog Antônio Conselheiro als Wanderprediger durch Bahia, kümmerte sich um die dortigen Kirchen und Friedhöfe und scharte eine wachsende Zahl von Anhängern um sich. Diese kamen aus den verschiedensten Bevölkerungsschichten und Ethnien. Sowohl Händler als auch verarmte Bauern, geläuterte Kriminelle, ehemalige Sklaven waren unter ihnen. 1893 ließ sich die Gemeinschaft in der Fazenda Canudos nieder und nannte die Siedlung „Belo Monte“ (portugiesisch Schöner Berg). Durch den ständigen Zustrom neuer Anhänger wuchs die Siedlung zu einer Stadt von 20.000 bis 30.000 Menschen an. Conselheiro hatte bei den Menschen in Canudos einen messianischen Status und sie führten ein einfaches und vom Glauben bestimmtes Leben. Ein wesentlicher gemeinsamer Nenner der Bewohner war die Ablehnung vieler Maßnahmen der erst 1889 gegründeten brasilianischen Republik. Die Zivilehe, neue Steuergesetze, die Schulpflicht und eine groß angelegte Volkszählung wurden als unchristlich und unterdrückend angesehen. Von der brasilianischen Regierung wurde die Sekte deshalb als monarchistische Bedrohung angesehen, und man bereitete ihre gewaltsame Auflösung vor.
Der erste Angriff erfolgte im November 1896 unter Pires Ferreira. Ihm standen nur einige Dutzend Männer zur Verfügung. Sie wurden von den zahlenmäßig weit überlegenen Jagunços (Aufständischen) geschlagen und zum Rückzug gezwungen. Daraufhin begab sich im Januar 1897 eine zweite Expedition unter der Führung von Major Febrônio de Brito mit etwa 600 Soldaten und Artilleriegeschützen nach Canudos, die ebenfalls besiegt wurde. Im März 1897 griff das 7. Infanterieregiment unter dem erfahrenen Offizier Antônio Moreira César mit 1200 Mann an. Trotz weit überlegener Ausrüstung wurde auch diese Einheit besiegt und ihr Kommandeur getötet.
Die Regierung war von den Niederlagen überrascht und sah in Canudos wahrscheinlich eine ernste Bedrohung. General Arthur Oscar de Andrade wurde mit mehreren tausend Männern losgeschickt, um die Stadt zu vernichten. Es kam zu einer viermonatigen Belagerung, in deren Verlauf sich die Versorgungslage der Bewohner dramatisch verschlechterte. Conselheiro verweigerte eine Kapitulation und starb am 22. September 1897 an Dysenterie. Wenige Tage später wurde Canudos endgültig von den Regierungstruppen erobert, viele der verbliebenen Bewohner wurden massakriert. Insgesamt starben fünfzehn- bis zwanzigtausend Bewohner und etwa fünftausend Soldaten. Die Stadt wurde vollständig zerstört. Ein paar der Ueberlebenden flohen in Richtung von Rio de Jeneiro. Die Legende sagt, dass diese Menschen das erste Armenviertel (Favela) gründeten. Auf ihren Marsch nahmen sie ein paar Musikinstrumente wie Mandolin und Klarinette mit. Die traurigen Erfahrungen wurden im Musikstil Choro = weinen ausgedrückt. Bis heute ist dies einer der wichtigsten Musikstile Brasiliens.
2) Sertão bezeichnet die halbwüstenartigen Landschaften im Binnenland Brasiliens.
3) Domestica = Haushälterin
4) Maniok = Der Maniok (Manihot esculenta) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Manihot in der Familie der Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae). Andere Namen für diese Nutzpflanze und ihr landwirtschaftliches Produkt (die geernteten Wurzelknollen) sind Mandioca (Brasilien, Argentinien, Paraguay), Cassava, Kassave oder im spanischsprachigen Lateinamerika Yuca. Der Anbau der Pflanze ist wegen ihrer stärkehaltigen Wurzelknollen weit verbreitet. Sie stammt ursprünglich aus Südamerika und wurde schon vor der Entdeckung Amerikas durch die Europäer von den Ureinwohnern zur Ernährung verwendet.