Christ zu sein ist nicht einfach. Das hatten auch schon die Mannen von Torfrock erkannt, als sie das Liedlein von Rollo's Taufe verfassten.
Wie ich auf diesen Gedanken komme? Eine gute Frage. Ich denke, alles fing auf dem Bahnhof von Ajmer an.
Wo das ist? Mitten in Rajasthan, im Nordwesten Indiens.
Es ist später Vormittag. Die Sonne ist auf ihrem Weg zum Zenit, während sich die Temperaturen noch im erträglichen Maß bewegen. Noch.
Der Weg zum Bahnhof war etwas anders verlaufen als gedacht, aber ich war wie üblich recht früh dran. Das war das beste Mittel gegen ungeliebte Überraschungen, die einen hier desöfteren ereilen.
Während ich auf die Bahnhofshalle zuschreite, begleiten mich Scharen von Kulis und versuchen mir mein Gepäck abzuschwatzen. Ich lächele nur entspannt und gehe weiter.
'Wozu habe ich wohl einen Rucksack?' denke ich mir.
Im Grunde müsste ich einen der Kulis anheuern und ihn den Rucksack tragen lassen. Schliesslich müssen sie Geld verdienen. Andererseits kann ich mit meinen beschränkten finanziellen Mitteln nicht ständig Leute für quasi unnötige Dienste bezahlen. Ein Widerspruch, dessen Lösung nicht in meinen Händen liegt. Aber es beschäftigt mich seit meiner Ankunft in diesem Land.
Der Bahnhof ist auffällig sauber, eine Tatsache die nicht selbstverständlich ist. Selbst auf den Gleisen wird Müll gesammelt. Dafür sind verschleierte Frauen zuständig. Ob sie nun aufgrund ihres Glaubens oder zum Zwecke des Nichterkennens verschleiert sind, weiß ich nicht.
Das Dach über dem Bahnsteig spendet Schatten. Bänke sind Mangelware. Ich tue es den Einheimischen gleich und setze mich auf die angenehm kühlen Steine des Bahnsteigs. Es ist ein kleiner Bahnhof, es fahren kaum Züge und so geht es recht beschaulich zu.
Die große Uhr zeigt 10:04. Es wird noch eine gute Stunde bis zu meinem Zug dauern. Eine Art Kiosk auf meinem Bahnsteig bietet Kaffee, Tee und Snacks an. Ein Schild weist auf vegetarische Burger hin, die wohl neu im Angebot sind.
Ich gehe hinüber, nicht ohne mein Gepäck im Auge zu behalten. Mein Magen war die letzten Tage etwas gereizt, das mit den Burgern werde ich lieber lassen. Aber einen Tee, ja den werde ich mir gönnen.
Ein breit lächelnder, gut gekleideter Mann mittleren Alters bedient mich und fragt mich natürlich gleich aus. Woher, wohin, aus welchem Land ...
Oh, Deutschland, da hat sein Bruder doch studiert. Diese Geschichten kenne ich schon zur Genüge, aber ich tue auch dieses Mal höflich interessiert.
Mit dem Becher Tee in der Hand schlendere ich zurück zu meinem Gepäck und setze mich. Aus meiner kleinen Umhängetasche fördere ich ein kleines Brot zu Tage. Gekauft bei "German Bakery", einer beliebten hiesigen Bäckereikette. Es ist schon ein wenig trocken, aber zusammen mit dem Tee wird es kaum zu merken sein.
Ein Bettler nähert sich. Er ist ein Sadu, hat graues Haar und einen langen Bart.
Westlich aussehende Menschen sind bei Bettlern sehr beliebt. Ein Großteil der Inder denkt, dass diese auschließlich wohlhabende Leute sind. Im Vergleich zu vielen von ihnen wird das vermutlich auch zutreffen, aber es ist halt nicht genug für die vielen Bettler.
Vor mir bleibt er stehen, spricht ein paar Worte in unbekannter Sprache und deutet mit der Hand auf seinen Mund.
'Okay, Du scheinst Hunger zu haben' denke ich. Ich breche mein Brot und biete dem Bettler die Hälfte an. Scheinbar steht ihm der Sinn nicht nach Brot. Der Sadu gestikuliert weiter und redet auf mich ein.
"Ich verstehe Deine Sprache nicht" sage ich.
Und nochmal.
"I don't understand your language".
Nun, vielleicht hat er ja Durst. Ich biete ihm meinen frisch gekauften Tee an. Aber auch daran scheint der Sadu nicht interessiert zu sein. Etwas ratlos zucke ich die Schultern.
Ich bot ihm Essen, er wollte es nicht. Ich bot ihm etwas zu trinken, er wollte es nicht.
Er wird Geld wollen.
Wie stark schlägt das christliches Herz in mir? Bin ich bereit auch mein Geld mit ihm zu teilen?
Nein.
Ein schlechter Christ.
Der Bettler verstärkt seine Bemühungen. Ich zeige ihm, dass das Ganze für mich erledigt ist. Meine Speisen hätte ich mit ihm geteilt, aber diese Grenze habe ich selbst gezogen und werde sie nicht überschreiten.
Ich ignoriere ihn und seine aufdringliche Art. Er fasst mich an, ich bedeute ihm es sein zu lassen. Wieder versucht er mich anzufassen, ich wehre seine Bewegung ab. Wir rangeln ein bisschen, dann tauchen zwei Soldaten auf. Sie herrschen den Sadu an und befördern ihn äusserst unsanft vom Bahnsteig.
Hielt ich ihm meine Wange hin?
Nein.
Schritt ich ein, als die Soldaten ihm Gewalt antaten?
Nein.
Ein schlechter Christ.
Der Zug kommt pünktlich. Ich habe mir für die fast 20-stündige Tour einen Schlafwagenplatz in der 2. Klasse geleistet. Dieser Platz ist um einiges teurer als ein "normaler" Platz, aber wer schon per Bahn in Indien unterwegs war, weiß wie sehr sich diese Investition auszahlt.
Auf dem Weg zur Toilette kann ich einen Blick in den nächsten Wagen werfen. Er ist hoffnungslos überfüllt, die Leute liegen in den Gängen. Das erinnert mich stark an meine ersten Erlebnisse in diesem Land, ein Grund warum ich mehr Geld für Plätze auf solch langen Strecken ausgebe.
Zwischen den Waggons, genau vor der Toilettentür hat sich ein ausgemergeltes Männlein notdürftig gebettet. Notdürftig vor der Notdurft, eine bittere Ironie. Als Decke dient ihm ein schmutziger, löcheriger Sack, der ihn von der Brust bis zu den Knien bedeckt.
In diesem Land braucht man schon verdammt starke Nerven, aber dieser Anblick bricht mir fast das Herz.
Wieder an meinem Platz durchwühle ich meinen Rucksack. Eine leichte, aber saubere und erheblich größere Decke kommt zum Vorschein. Ich hatte sie für die kühlen Nächte im Norden und die immer zu stark eingestellten Klimanlagen eingepackt und würde sie vermutlich noch bitter vermissen.
Das Männlein liegt noch dort. Ich breite die Decke über ihm aus, für einen kurzen Moment liegt der Duft einer Sommerwiese in der verbrauchten Luft. Ja, sie war eindeutig in der Zeit gewaschen worden, als ich noch Weichspüler gebrauchte. Inzwischen ist das vorbei, seit ich gelesen habe, wie schädlich das Zeug für die Umwelt ist.
Das Männlein rührt sich nicht, scheinbar schläft er. Ich versuche die Decke zwischen sein Knie und die Waggonwand zu stecken. Er nimmt das Knie ein wenig beiseite. Nein, er schläft nicht. Durch seine leicht geöffneten Augen beobachtet er mich und meine Bemühungen.
Ich gehe zu meinem Sitz zurück und baue ihn zum Bett um. Es gibt sogar Laken und Kissenbezüge.
Einige Stunden später sehe ich nach dem Mann. Er ist verschwunden, meine Decke mit ihm. Nicht das ich sie wieder haben wollte.
Ich gab einem Fremden meine Decke ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
Ein guter Christ.
Nur das ich keiner Kirche angehöre.