Geschichten und Märchen gibt es unzählige auf unserer Welt. Manche sind so wundersam und erscheinen einem so fremd, dass man denken könnte, dass sie nicht von Menschen erdacht wurden.
Dies ist so eine Geschichte. Auch sie erscheint seltsam und unglaubwürdig. Jedoch: Für jeden der diese Geschichte kennt, wird einmal die Zeit kommen, an irgendeinem Tag und Ort den nur die Götter kennen, und er wird ähnliches erleben.
So entspannt euch jetzt, ihr Menschen, die ihr diese Zeilen lest. Lehnt euch zurück und gönnt euch ein paar Minuten der Ruhe und des Friedens.
Die Geschichte nimmt ihren Anfang inmitten eines Waldes, der in einem Land liegt, dessen Name mir im Moment nicht einfallen will. Auch ob sie sich erst gestern oder vor tausend Jahren zutrug, weiss ich nicht. Aber das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass man nicht sehr weit reisen muss, um in diesen Wald zu gelangen. Es genügt schon, die Augen zu schließen und an die Träume der Kindheit zu denken.
In jenem Wald haben viele Sagen und Legenden ihren Ursprung. Er ist voll von Träumen und Wünschen, die auf ihre Erfüllung warten. Selbst die Sonne scheint dort wärmer als anderswo.
In diesem Wald steht eine alte Eiche, die ihre langen Äste weit hinauf in den Himmel streckt. Ganz so, als ob es ihr gefiele, dass der Wind ihre Blätter mit sich nimmt, um sie hoch bis in die Wolken zu tragen. Ihre unteren Äste hält sie schützend über das Dach einer kleinen Blockhütte. Diese Hütte ist wohl genauso alt wie ihr Bewohner, der alte Einsiedler. Die Wände der Hütte scheinen nur noch von den Efeuranken gehalten zu werden, die an ihnen empor klettern. Der alte Mann lebt schon sein ganzes Leben in diesem Wald.
Immer wenn er nach seinem Alter gefragt wurde, pflegte er sich schmunzelnd an seinen lagen weisen Bart zu greifen und zu sagen:
"Zähle die Haare meines Bartes und du kannst die Zahl meiner Jahre!“
Daraufhin begann er immer schallend zu lachen und hielt sich seinen Bauch, der zum ganzen Stolz seines Besitzers im Laufe der Jahre einen beachtlichen Umfang erreicht hatte.
Der alte Mann war mit sich und seinem Leben zufrieden. Das ganze Jahr über sammelte er die Früchte des Waldes und hinter seiner Hütte hatte er einen kleinen Acker, auf dem er Getreide anbaute. Meist war die Ernte davon so üppig, dass er immer etwas aufbewahren konnte, um es im Winter den Tieren zu geben.
Er kümmerte sich überhaupt sehr um die Tiere. Wenn sich einmal eines verletzt hatte oder krank wurde, dann nahm er es mit zu sich und pflegte es gesund.
Einmal wurde er von einem Reisenden gefragt, warum er sich denn so viel Mühe gäbe und was denn sein Lohn dafür sei.
Darauf antwortete der alte Mann:
"Die Tiere sind meine einzigen Freunde. Sie kennen keine Lügen. Wenn am Morgen auch nur ein Vogel für mich ein Lied singt, dann ist mir das Lohn genug.“
Der Einsiedler lebte in Eintracht mit der Natur und für ihn war jeder neue Tag ein unbegreiflich schönes Wunder. Es machte ihm Spaß, denn Wolken zu zuschauen, denn keine glich jemals der anderen. Er hatte auch noch nie ein Blatt gefunden, dass einem anderen glich. Jedes Ding, welcher Art auch immer, ist eine Einmaligkeit im Universum. Vorausgesetzt es ist nicht von Menschenhand erschaffen. Das wusste der alte Mann, und seine Ehrfurcht vor der Vielseitigkeit der Natur war unbeschreiblich.
Stundenlang konnte er zuschauen, wenn der Wind mit den Blättern spielte. Seine Augen begannen zu glänzen, wenn er des Nachts die Schönheit der Sterne erblickte. Schon desöfteren hatte er, zur späten Stunde, den Zauber des Waldes erlebt, wenn die Elfen und Feen auf den Strahlen des Mondes tanzten, oder wenn Irrlichter durch die Dunkelheit gaukelten. Er kannte die Geheimnisse seines Waldes und wusste, dass Zauberei und Magie zur Nacht gehörten wie der Ruf der Eule. Und doch gab es da ein Geheimnis, welches er noch nicht kannte. Aber er war sich sicher, dass er es eines Tages ergründen würde.
So verging Tag um Tag, Jahr um Jahr und irgendwann kam der Tag, an dem es dem alten Mann klar wurde, dass es bald Zeit wäre, noch ein letztes Mal durch seinen Wald zu gehen. Er wollte all seinen Freunden, den Tieren, den Bäumen und den Wolken Lebwohl sagen.
So kam es, dass der alte Mann eines Morgens erwachte und es ihm bewusst wurde, dass dieser Tag sein letzter sein würde. Er stopfte sich sein Pfeifchen und ging geradewegs in den Wald hinein. Dort lauschte er dem Gesang der Vögel, die heute eine besonders schöne Melodie zwitscherten.
Er drehte sich um und winkte zu der alten Eiche hinüber:
"Leb wohl alter Freund. Und gräme dich nicht. Irgendwann sehen wir uns wieder!“
Dann ging er geradewegs weiter und schon bald hatte ihn der Wald verschluckt. Er schritt über das weiche Moos und seine nackten Füße versanken bis zu den Knöcheln darin. Um ihn herum pulsierte das Leben. Die Bienen arbeiteten emsig und trugen Nektar in ihren Bau, um daraus den leckeren Honig zu machen. Von ihm hatte der Eremit immer so gerne genascht und er schrieb ihm auch den stattlichen Umfang seines Bauches zu.
Bei dem Gedanken daran musste der alte Mann schmunzeln. Insgeheim hoffte er, dass es dort wo er hinging, auch genug Honig gäbe. Weit ausladend waren die Äste der Bäume unter denen er dahin schritt. Ab und zu drang ein Sonnenstrahl durch das Dach des Waldes und erreichte, einem Speer aus Licht gleichend, den weichen Waldboden. Ein paar bunt schillernde Schmetterlinge flatterten vorwitzig um seinen Kopf und er schaute ihrem Spiel wie immer fasziniert zu.
Dieser Tag erschien dem Eremiten wie jeder andere zu sein und doch war etwas anders. Ja, selbst der Duft des Waldes schien heute intensiver als sonst und ihm wurde plötzlich bewusst, dass die Ergründung des letzten Geheimnisses nicht mehr lange auf sich warten ließe.
Es dauerte gar nicht lange, da gesellten sich ein paar, sonst so scheue, Rehe zu ihm. Langsam kamen sie näher und beschnupperten seine Hand. Der Eremit streichelte sacht über das Fell der zierlichen Tiere. Jetzt schmiegten sich sie sich ganz fest an den alten Mann, so als ob sie wüssten, dass sie ihn heute das letzte Mal sehen würden.
In Gedanken blickte der Mann zurück. Er dachte daran, dass er gesehen hatte, wie die beiden Rehe geboren wurden. Er hatte erlebt, wie sie als Kitze im hohen Gras lagen und hatte darüber gewacht, dass kein Fuchs und kein Falke das junge Leben bedrohte. Er war dabei als sie aufwuchsen und hatte vor Freude gelacht, wenn sie im Spiel tollkühn über Stock und Stein sprangen. Fast war es ihm, als ob sie seine eigenen Kinder wären.
Als er sich nun von ihnen abwandte um weiter seinen Weg zu gehen, war seine Stimme rau und eine Träne rann ihm über die Wange. Der Mann musste sich erst räuspern, bevor er leise: "Lebt wohl!“ sagen konnte. Dann ging er schnellen Schrittes weiter. Die Rehe machten noch einen zaghaften Schritt, so als ob sie ihm folgen wollten. Schliesslich hielten sie ein und als sie ihrem Freund nachschauten, schillerte es feucht in ihren Augen.
Der Eremit begegnete auf seinem Weg vielen Tieren und immer war es das gleiche. Erst das zaghafte näher kommen, die Verabschiedung und zuletzt die schillernden Augen. Selbst der gewaltige Hirsch, der König des Waldes, schickte ihm seinen Gruß, indem er seinen mächtigen Ruf ertönen ließ.
Der Eremit erhob seinen Blick gen Himmel und die Tränen, die jetzt über seine Wangen liefen als er die Wolken erblickte, waren nicht von Trauer. Es waren Tränen der Freude, dass er dies alles noch erleben durfte, bevor er für immer die Augen schloss. Er war nun schon lange unterwegs und seine Glieder waren müde und er fühlte sich erschöpft. Deshalb setzte er sich unter einen Baum, um sich ein wenig auszuruhen. Es dauerte auch nicht lange, da war er eingeschlafen und begann zu träumen. Er träumte davon, dass alle Tiere des Waldes zu ihm kämen, um über seinen Schlaf zu wachen.
Die Rehe, die Hasen und die Eichhörnchen. Auch der Hirsch gesellte sich dazu und passte auf, dass niemand den Schlaf des alten Mannes störte. Er träumte davon, dass die Bienen kämen und ihm einen großen Topf mit ihrem besten Honig brächten. Alles war wunderschön und friedlich in seinem Traum. Doch plötzlich wurden die Tiere unruhig.
Die Eichhörnchen und die Hasen hüpften aufgeregt über die Beine des Mannes. Das Gezwitscher der Vögel verstummte, und selbst der mächtige Hirsch schaute ehrfurchtsvoll in die Richtung, aus der das Geheimnisvolle nahte.
Dann sah es der alte Mann. Das letzte große Geheimnis des Waldes und mit einem mal erwachte er. Verschlafen rieb er sich die Augen. Als er in die Runde schaute, war plötzlich alles Wirklichkeit. Die Tiere, sie waren wirklich da und auch das große Geheimnis stand direkt vor ihm. Es war die wohl herrlichste Sagengestalt, die Menschen kennen.
Ein Einhorn.
Seine Mähne wehte im sachten Wind, das lange Horn glitzerte wie Diamantstaub im Licht der Sonne und die dunklen Augen blickten liebevoll auf den alten Mann.
Dieser konnte es immer noch nicht fassen, dann sprach das Einhorn zu ihm:
"Ich grüße dich alter Mann. Jetzt ist der Augenblick gekommen, da wir uns begegnen sollen. Du sollst nun endlich das große Geheimnis erfahren, denn ich bin es.
Doch wir sind uns nicht fremd, mein Freund, denn wir kennen uns schon ein Leben lang.“
Der Eremit schaute verwirrt, denn er verstand diese Worte nicht.
Als ob das Einhorn seine Gedanken lesen könnte, antwortete es:
"Gedulde dich noch ein wenig und lass mich erklären.
Ich bin dieser Wald. Ich bin sein Herz und seine Seele. Die Sonne und der Wind, der Tag und die Nacht. Auch die Jahreszeiten und der Gesang der Vögel. Auch das plätschernde Wasser. All das bin ich.“
Langsam begann der alte Mann zu verstehen und seine anfängliche Furcht wich tiefer Zuneigung. Er betrachtete dieses wunderschöne Wesen und sein Herz füllte sich mit soviel Wärme und Liebe, wie er es nie für möglich gehalten hätte.
Er stellte dem Einhorn eine Frage, obwohl er sich die Antwort schon denken konnte:
"Wie nennt man dich?“
Das Einhorn neigte seinen Kopf zu ihm herab und sprach:
"Ich habe viele Namen. Heimweh, so nennen mich jene die fern von zu Hause sind. Die Einsamen kennen mich unter dem Namen Sehnsucht. Bei den Verzweifelten heisse ich Hoffnung und die Liebenden nennen mich Zuneigung. Aber ich glaube, den schönsten Namen gaben mir die Kinder. Für sie bin ich die tröstende Hand der Mutter. Ich bin der Traum und die Wirklichkeit. Auch Trauer und Freude werde ich genannt. Das sind nur einige meiner unzähligen Namen.“
Der alte Mann blickte nun tief in die Augen des Einhorns.
"Wie soll ich dich nennen?“
Das Einhorn ging noch einen Schritt auf ihn zu und sprach dann:
"Den Namen den du mir geben wirst, haben mir schon viele genannt und sie wussten ihn auch. Genau wie du, Freund aller Tiere. So nenne mich nun beim Namen.“
Der Eremit lächelte und sagte dann:
"Ewige Ruhe!“
Dann erhob sich der Mann und folgte dem Einhorn. Als er sich noch einmal umdrehte, sah er sich selbst unter dem Baum sitzen, umringt von seinen Freunden. Das Einhorn führte ihn in ein Tal, welches ganz von Blumen bedeckt war und er wusste, dies ist das Paradies.
Hier endet diese Geschichte und eine andere nimmt ihren Anfang. Doch die möchte ich ein anderes Mal erzählen.
Nur Eines sei noch gesagt. Wenn ihr einmal erwacht und vor euch steht ein Einhorn, so fürchtet euch nicht. Nennt es beim Namen und es bringt euch ins Paradies.
Dort trefft ihr bestimmt auf den alten Eremiten, dessen Bauch noch ein Stückchen größer geworden ist, seit er dort ankam. Honig gibt es dort sicher genug.