Es waren einmal ein paar Knäuel bunt eingefärbter Wolle, die darauf warteten in einer berühmten Strickmanufaktur in der chinesischen Provinz Xingxau zu einem wohligen Pullover verstrickt und mit einem sehr beliebten Muster bestickt zu werden. Die Fabrik befand sich in der kleinen Stadt Mungyau inmitten der Berge. Jetzt im Dezember überzuckerte ein Hauch von Schnee die Berggipfel und manch ein europäischer Südländer hätte sich über diese weiße Pracht gefreut: Weiße Weihnachten!
Hier in Mingyau gab es jedoch keine Weihnacht sondern viel Arbeit. Das war auch gut so, denn viele BewohnerInnen gingen mit Freude ihrer Arbeit nach. Nicht nur des Geldes wegen, das ihnen erlaubte jeden Tag ein warmes Essen zu kochen, sondern auch weil der Besitzer und Leiter der Manufaktur ein weiser und gemeinnütziger Mann war, der sich um seine ArbeiterInnen und deren Familien kümmerte. Oft gab es eine kleine Belohnung für gute Arbeit, von Orangen bis zu exotischen Früchten wie Bananen und Ananas. Oder ein Huhn zum Sonntag oder gute Medizin bei Krankheit. Auch Feste wurden in Mungyau gefeiert. Da war das Fest des gelben Mondes im April, das Fest des schwimmenden Fisches im Juni, das Fest der bunten Lampione im Dezember und noch einige mehr. Jedoch waren ihnen die europäischen Feste fremd. Ab und zu bekam der Bürgermeister von Mungyau eine Postkarte aus Europa. Diese wurde dann eingerahmt und im gut sichtbaren Glaskasten vor dem Gemeindehaus angebracht, so dass diese wie ein buntes Bild aus einem Weltatlas von Klein und Gross bestaunt werden konnte.
Aber die meisten BewohnerInnen konnten sich nichts unter Europa oder sogar unter Amerika vorstellen. Letzterer Kontinent war ihnen noch fremder, da es nie eine Postkarte von dort bis nach Mungyau geschafft hatte. Aber so lange die Kirschblüten im Frühjahr blühten und die Bergspitzen im Dezember überzuckert waren, so lange die Hühner noch Eier legten und die Schweine zufrieden grunzten, so lange die Zikaden im Frühjahr in den wohlduftenden Akazien zirpten und die Lampione an einem Sommerabend gen Himmel schwebten, so lange es noch genug farbige Wolle für die Strickmanufaktur gab, war die Welt völlig in Ordnung in Mungyau.
Doch eines Tages war für jemanden die Welt nicht mehr in Ordnung und zwar genau Anfang Dezember des Jahres 2014.
Die Geschichte begab sich folgendermaßen:
In der berühmten Strickmanufaktur arbeitete ein Mädchen, welche schon 16 Frühlinge erlebt hatte (das ist in China die Ausdrucksweise für das Alter eines Menschen). Sie hatte sehr flinke Finger, arbeitete sehr gerne und ausdauernd. Mit viel Fantasie und Talent für Farben war sie eine der beliebtesten Arbeiterinnen der Fabrik. Ihr Name war Lali und ihr großer Traum war es, einmal nach Europa zu reisen, zusammen mit einem ihrer schönen Pullover. Warum nicht Paris? Sie wusste, dass dies ein Traum war und auch bleiben würde, der sie oft durch den Tag begleitete. So dachte sie für sich, wenn ich schon nicht so weit weg gehen kann, dann geniesse ich jeden Tag ein paar Minuten meines Leben, das ich hier in meiner Stadt habe. Sei es ein kühles Fußbad im rosaroten Fluss, der durch die Stadt fliesst (genannt so, weil im Frühling unzählige rosarote heruntergefallene Kirschblüten auf dem Wasser schwimmen und den Fluss in einen rosa Teppich verwandeln) oder ein Spaziergang zu ihrer Grossmutter, welche inmitten der grünen Reisfelder wohnte oder einfach Fangen spielen mit Kindern aus der Strasse. Carpe Diem.
So beschloss sie eines Tages, dass CARPE DIEM = GENIESSE DEN TAG zu ihrem Lebensmotto werden sollte. Das Carpe Diem flocht sie von nun an auch in ihre Arbeit ein und ihre Pullover leuchteten besonders schön, hatten die lebendigsten und doch nicht aufdringlichen Muster. Der Besitzer der Manufaktur war besonders stolz auf die junge Arbeiterin. Eines Tages kam ein Strickwarenhändler aus Amerika in das entlegene Dorf Mungyau, um die Manufaktur zu besichtigen, von der er schon so viel gehört hatte. Als Stolz der Manufaktur brachte der Besitzer einen Pullover von Lali in das Besprechungszimmer. So hing der Pullover nun da und hörte für einige Tage alle Gespräche mit. Immer wieder war die Rede von Computertechnik, Stanford und Google. Der Besuch aus Amerika zeigte ein Bild von Google mit vielen farbigen Ringen.
Beeindruckt dachte sich der Pullover:
'Könnte ich nur nach Stanford reisen und diese farbigen Ringe sehen.'
Natürlich wusste er nicht, wie weit weg Stanford von Mungyau war.
Kaum gedacht, schon geschehen. Mit vielen anderen Pullovern wurde der wunderschöne Pullover von Lali in weißes Seidenpapier eingepackt und vorsichtig in einer Kartonschachtel mit einer roten Schleife als Dekoration verpackt. Bestimmungsort: Amerika! Die genaue Adresse war auf der Schachtel und auf der oberen Innenseite des Pullovers angebracht worden. Natürlich von Hand, wie so vieles in dieser noch sehr traditionellen Strickmanufaktur.
Es war eine Schaukelreise auf dem Meer, so unruhig und stürmisch, dass sich nach ein paar Tagen der Container der Strickmanufaktur aus der Verankerung löste und ins Meer fiel. Mit vereinten Kräften konnten sich die Pullover befreien, jedoch blieb der Rest der Ware auf dem Meeresgrund irgendwo im eisigen Meer vor Grönland. Der bunte Pullover trieb für einige Tage auf dem Eismeer. Seine Farben leuchteten wie ein bunter Regenbogen auf dem fast schwarzen Wasser.
Die Besatzung eines Fischerbootes sichtete ihn und zog ihn an Bord. Auf der Brücke wurde er zum Trocknen aufgehängt. Voller Freude sah Kapitän Johansen den bunten Pullover von Lali und dachte sofort an seine Tochter. Wie sehr würde sie sich über so einen Pullover freuen.
Nach ein paar Tagen Fischfang auf rauher See war sogar der bärenstarke Kapitän Johansen wieder froh festen Boden unter den Füssen zu spüren. Er wohnte zusammen mit seiner Tochter Arwen auf einer der größeren Inseln von Grönland. Oft war er von zu Hause weg und es tat ihm immer wieder aufs Neue leid, daß Arwen so lange allein sein musste. Ihre Mutter starb als Arwen noch ein kleines Mädchen war. Zum Glück war da die Schwester von Kapitän Johansen. Sie war gut zu Arwen, aber eben kein Mutterersatz.
Arwen freute sich riesig, den kratzigen Bart ihres Vater auf ihren glatten Haut zu spüren, als er sie nach seiner Ankunft im bescheidenen Inselhaus an sich drückte. Wie gross aber war die Freude über den Pullover, der nun, so wie es schien, ein zu Hause gefunden hatte.
Arwen zog den Pullover nicht mehr aus. Sie trug ihn sogar in der Nacht zum Schlafen. Leider aber hatte der Pullover seinen Wunsch nicht vergessen, nach Stanford und zu Google zu gelangen. So schien es Arwen, als würde sie in der Nacht immer Jemanden ganz fein in ihr Oster wispern hören.
'Google, ich komme.'
Eines Nachts nahm sie sich vor wach zu bleiben und zu versuchen herauszufinden, woher diese Stimme kam. Sie war recht erstaunt, als sie merkte, dass ihr Pullover seufzte, wimmerte, weinte und wisperte.
'Google ich komme. Das ist doch mein Traum.'
Niemals wollte Arwen, dass jemand oder etwas um sie herum betrübt oder bedrückt war. So wurde mit dem weisen Kapitän Johansen Rat gehalten.
Es gab nur eine Lösung. Der Pullover musste auf das nächste Schiff in Richtung Amerika gebracht werden. Und so setzte der Pullover eingepackt in einer kleinen Schachtel, jedoch umgeben von allerlei Fischen, seine Reise nach Amerika fort. Es roch zwar ziemlich grässlich, aber er sah sein Ziel mit jedem Tag näher kommen.
Nach vielen Tagen gab es einen Ruck: angelegt! Zuerst wurden alle Fische, dann die kleine Schachtel entladen. Auf der dunklen Ladefläche eines Lastwagen ging es weiter und immer weiter. Dann stoppte der Lastwagen. Seine Schachtel wurde von der Ladefläche genommen.
Wo bin ich? Durch eine Ritze in der Schachtel konnte er die Tür eines wundschönen Hauses inmitten Waldes sehen. Freundlich wird das Paket entgegengenommen, aber nicht wie erwartet ausgepackt, sondern unter einen wunderschönen, bunt geschmückten Weihnachtsbaum gelegt. Was es da nicht alles zu sehen gab. Kleine Figuren, süße Kringel und bunte Kugeln hingen an diesem Baum. Stundenlang hätte er staunen können.
Das Staunen hatte ein Ende, als er von den weichen Händen eines Mädchens aus der Schachtel gehoben, bestaunt und sogar angezogen wurde. War das schön. Nach so einer langen Reise endlich wieder getragen, gewärmt und gekuschelt zu werden. Es herrschte ein geschäftiges Treiben um ihn und das Mädchen herum. Es schien etwas mit dem Weihnachtsbaum zu tun zu haben. Und aus der Küche roch es so gut.
Beinahe vergaß er seinen Plan zu Google nach Stanford zu reisen. Da fielen ihm die Anschriften der Pakete auf. Warum stand dort Stamford? Der Pullover wusste weder aus noch ein. Bin ich schon wieder am falschen Ort? Panik ergriff ihn, bis das Mädchen ihm sanft über die bunten Haare strich. So sanft und liebevoll, dass er doch nicht mehr weg wollte.
Das Mädchen ging zum Computer und was erschien auf dem Bildschirm? Das Googlezeichen – die bunten Ringe, von denen er so oft geträumt hatte. Da waren sie ja. Also war er doch am richtigen Ort. Kam es so sehr darauf an, ob nun Stanford oder Stamford, wenn man so viel Liebe und Wärme erhielt? Von da an beschloss der Pullover täglich die Worte Carpe Diem zu leben, wo auch immer.