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Nur fünfzehn Minuten

von johnny_rebel


Einst floss hier das Blut in Strömen. Und noch immer lagen hier verschollene Katakomben, aus längst vergessenen Zeiten der Azteken. Tempelruinen erhoben sich majestätisch, streckten sich der Sonne empor und unbegreiflich große Gärten zierten die mexikanische Metropole.

Meine Gedanken kehrten langsam aus meinem letzten Mexiko Aufenthalt zurück. Ich konnte es mir jetzt einfach nicht leisten, unkonzentriert zu sein. Ein einziger Fehler konnte das Aus bedeuten. Und natürlich auch mein Ende.

Vorsichtig kontrollierte ich die Latexhandschuhe an meinen Händen. Doch sie wiesen keinerlei Mängel auf, was durchaus durch meine kurzzeitige, gedankliche Abwesenheit hätte passieren können, vor allem, weil ich das Skalpell schon in den Händen hielt.

Ich schaute etwas nach oben, zog die OP Lampe etwas mehr in die Stellung, in der ich sie benötigte.

Wie hatten es früher die Azteken geschafft, ein Herz so sauber herauszutrennen, ohne die dafür nötigen Mittel zu haben?

Meine Gedanken schweiften erneut ab. Ich sah mich hoch oben auf einem der Tempel stehend. Der Boden war glitschig von Blut durch die letzte Opferung. Ehrfurchtsvoll sah ich zu, wie der oberste Priester einen angeschliffenen Stein langsam auf das Brustbein der nächsten, auf dem Altar vor ihm liegenden und entblößten Frau, ansetzte.

Die OP Lampe blendete mich und dass Licht riss mich zurück in die Realität. Ich schalt mich einen Narren, mit meinen Gedanken immer wieder wegzugleiten. Doch der Gedankengang an dieses ehemalige Ritual hielt mich scheinbar in seinem Bann.

Natürlich weiß ich aus Erfahrung, wie schwer es ist, ein Brustbein zu durchdringen, um einen Einblick in den Brustkorb zu erhalten. Zur damaligen Zeit konnten die Priester es unmöglich alleine vollbracht haben, sondern mussten sich sicherlich dabei assistieren lassen.

Eine Möglichkeit wäre gewesen, einfach einen vertikalen Schnitt entlang der Seite zwischen Achselhöhle und Taille durchzuführen, um sich dann durch die Zwischenrippenmuskulatur langsam hindurchzuarbeiten. Allerdings wäre diese Prozedur eine sehr langwierige und schmerzhafte gewesen, die wahrscheinlich in einem fürchterlichen Geschrei seitens der zu Opfernden geendet hätte.

Also verwarf ich diesen Gedanken wieder und kehrte umgehend in die Realität zurück. Verdammt, ich konnte hier einfach nicht herumstehen, während meine Patientin vor mir lag und mir die Zeit davon lief.

Somit schob ich etwas den Instrumentenwagen zu mir heran. Nach kurzer Kontrolle stellte ich fest, dass sämtlich benötigte Instrumente, wie ein Rippenspreizer, ein Meißel sowie diverse Klemmen und Klingen verschiedenster Stärke sorgfältig bereitlagen.

Das Licht der OP Lampe beleuchtete nun genau den Bereich, den ich für diesen Eingriff benötigte. Kurz über ihren Brüsten, der noch leicht von einem Schatten umgeben war, wurde das Licht immer punktgenauer. Es erstreckte sich genau genommen von der Unterseite ihrer Brüste über ihren Oberbauch und endete genau dort, wo der vaginale Bereich zwischen ihren Schenkeln mündete.

Mein Blick glitt noch einmal zur Uhr.

Um mich herum blinkten unter dem Lichteinfluss Gestelle mit Reagenzgläsern, diversen Infusionsbeuteln und Plasmaexpandern. Blutkonserven stapelten sich zu meiner Rechten. Wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche, menschliche Körper nur ca. 5 Liter Blut enthält, welches sich wiederum aufteilt in ca. 47% Zellen und 53% Plasma, so war Blut das Wichtigste, was bei so einem Eingriff nötig war.

Einige Voruntersuchungen der Frau vor mir hatte ich bereits abgeschlossen. An sich war sie kerngesund, bis auf einen kleinen Mangel an Hämoglobin, den man aber noch nicht direkt als Anämie bezeichnen konnte. Dieses stellte für mich aber keine Bedrohung dar oder gar einen Aufschub für den zu erfolgenden Eingriff.

Mein Blick glitt nun langsam an ihr entlang. Ihre Beine sowie ihre Oberschenkel wurden prophylaktisch mit Zuggurten fixiert, so dass sie mit leicht gespreizten Schenkeln vor mir lag. Langsam strich mein Blick höher, entlang ihrer Vagina, bis mein Blick an dem Bauchgurt haften blieb. Doch auch er war fixiert und entsprach so dem Standard für den vorzunehmenden Eingriff.

Ebenso kontrollierte ich noch mal die Zeichnungen auf ihrer Haut, die ich zuvor aufgemalt hatte. Langsam glitt ich mit meinen Fingern den Zeichnungen nach. Strich mit meinem Finger langsam zwischen ihren Schenkeln nach oben, dem roten Strich folgend, über ihren Bauchnabel bis hin zu einem Punkt kurz unter dem Mittelpunkt ihrer Brüste. Aber die Zeichnungen waren noch unverschmiert, fast so, wie in den Lehrbüchern eingezeichnet.

Nun, einige Korrekturen und Abweichungen in den Zeichnungen hatte ich schon vorgenommen, dass lehrte mich schließlich meine Erfahrung. Danach rief ich mir erneut ihre Ergebnisse zurück ins Gedächtnis. Ihre Thrombozytenzahl lag im Bereich des Normalen, dass entsprach einer Zahl von ca. Zweihunderttausend. Aber auch ihr Differentialblutbild ergab keine Abnormalitäten.

Wieder sah ich auf ihren Körper. Ich kannte alle ihre Intimitäten und äußeren Details. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. Zwar war ihr Atemrythmus deutlich über den Normwerten, doch ich ging davon aus, dass ihre Aufregung vor diesem Eingriff in ihr Innerstes der Grund für ihre auch angezeigte Tachykardie war. Gebannt beobachtete ich einen Moment das schnelle, aber gleichmäßige Heben und Senken ihrer Brüste.

Wie musste es damals den Opfern ergangen sein, wenn sie nackt auf den Altar gebunden wurden, wissend, sie würden einem Gott geopfert werden. Welche Ängste mussten diese Personen gehabt haben, welche Schmerzen mussten sie erleiden, wenn der Priester den Knochenbohrer erhob, um sich dann langsam durch den Brustbereich hindurchzubohren.

Ich erschauderte. Nun, heutzutage befanden wir uns schließlich auf einer bereits hoch entwickelten Stufe. Heute arbeitete man steril, in den meisten Fällen sogar schon nur unter einer regionalen Lokalanästhesie. Ein letzter Blick zur Uhr zeigte mir, dass ich nun beginnen musste. Mein Blick strich noch einmal sanft über ihr Gesicht.

Sie sah mich mit schmerzerfüllten Augen an, wild bewegte sich ihr Kopf hin und her. Schreien konnte sie nicht. Zumindest jetzt noch nicht, dafür hatte ich gesorgt. Das Paketband würde mindestens bis zum Einschnitt in den Bauchraum durchhalten, dass wusste ich aus Erfahrung. Ihr Körper versuchte sich zu wehren, bäumte sich unter den Fixierungen auf. Doch ich lächelte ihr zu.

Diesmal würde ich einen ganz neuen Eingriff üben. Und vielleicht wäre das mein Durchbruch. Doch die Zeit rannte mir davon. Mir blieben nur noch weniger als fünfzehn Minuten, bis wahrscheinlich die ersten Einsatzfahrzeuge zu hören waren.

Noch einmal sah ich ihr ins Gesicht, dann setzte ich das Skalpell kurz unter ihrem Schambein an und führte es vorsichtig durch die oberste Hautschicht langsam nach oben, ohne mich vorerst durch das Schaben der Klinge am Knochen oberhalb der Klitoris beeinflussen zu lassen. Zeitgleich mit dem Ansetzen der Klinge erfolgte der erste Blutschwall. Und damit auch ihr erster, lauter Schrei.

Doch ich wusste, fünfzehn Minuten waren für diesen Eingriff sehr, sehr eng bemessen.…