Auf seine Kumpel war Verlass. Er wusste zwar nicht wie, aber sie hatten es geschafft, ihm den Schlüssel für den Seiteneingang des Fernsehturms zu besorgen.
Sie wollten natürlich dabei sein und es hat ihn sehr viel Mühe gekostet, sie
davon zu überzeugen, dass er diesen Sprung allein machen musste.
Er öffnete die Tür und betrat den schummrig beleuchteten Gang. Der Fahrstuhl würde nicht funktionieren, das hieß ein
paar hundert Stufen steigen. Aber er hatte ja noch Zeit und seine
Kondition war nicht die schlechteste. Gut, er konnte inzwischen zwar
keine Marathons mehr laufen und dachte oft an diese Tage zurück,
aber er war immer noch gut in Form.
Seine Schritte hallten durch die
Dunkelheit, als er den Treppenschacht betrat. Die Notbeleuchtung wies ihm den Weg, er sah hinauf und atmete tief durch. Doch so hoch.
Die Metallstufen drückten an seinen Füßen, aber dass störte ihn nicht. Er war schon immer gern barfuss gelaufen und gesprungen. Das Gefühl von Freiheit wurde so verstärkt, wie er fand. Seine Freunde des Flying Jumper Club - so nannten sie sich - konnten das nie verstehen, aus gutem Grund. Die Verletzungen, die er sich aufgrund fehlender Schuhe zugezogen hat, waren nicht unerheblich. Ihm aber gaben sie das Gefühl am Leben zu sein, Schmerz war ein Gefühl des Lebens.
Die paar Leute in der Bahn und auch der Kioskverkäufer am Bahnhof hatten ihn komisch angesehen, seine Aufmachung mutete Uneingeweihten etwas seltsam an.
Er sah ihren irritierten Blick und befürchtete einen Moment lang,
sie könnten Fragen stellen oder die Polizei rufen. Aber in Großstädten liefen viele merkwürdige Gestalten herum, die Leute
verloren schnell das Interesse an solchen Sonderlingen.
Er hielt auf einem Absatz um zu verschnaufen. Ein Blick auf die Uhr, er musste sich beeilen. Da habe ich mich wohl doch ein bisschen überschätzt, dachte er.
Er ging weiter,
die Stufen türmten sich schier endlos vor ihm auf, sein Herz raste. Das musste an den Medikamenten liegen, er hatte sie absetzen wollen, aber die Bluttests hatten ihn verraten.
Da sah er das Ende, endlich oben. Schweißgebadet betrat er die Plattform,
ein Schild wies ihm den Weg ins Restaurant. Er stütze sich atemlos gegen die Tür und grinste. Nein, essen wollte er jetzt nicht.
Durch die Fenster sah er
den Morgen heraufziehen, was für ein Blick. Einer der Schlüssel sollte für das Fensterschloss passen, er probierte es und ja, er passte.
Die Arbeitsbühne des Fensterputzers hing genau darunter, alles klappte. Er öffnete das Fenster, ein heftiger Windstoß fegte herein und ließ ihn frösteln.
Der Wind war etwas stärker als gedacht, aber es würde gehen.
Die Luft war kühl und klar, er kletterte auf die wackelnde Bühne.
Bis hierher hatte er es geschafft, der Rest würde auch klappen, niemand konnte ihn mehr aufhalten.
Er griff in seine Tüte, nahm sich eine Zigarette und zündete sie an.
Sie schmeckte nicht so richtig, er hatte wohl schon zu lange mit dem Rauchen aufgehört. Er rauchte sie trotzdem bis zum Filter und schnipste den Rest über das Geländer.
Der glühende Stumpen wehte vom Turm weg, der Wind stand günstig.
Ein weiterer Griff in die Tüte brachte einen Flachmann zum Vorschein. Er nahm einen tiefen Schluck, Whiskey, ja das tat gut.
Am Horizont ging die Sonne auf, ein Bild wie man es von Postkarten kannte. Unten fingen Polizeisirenen an zu heulen, ein Streifenwagen hielt direkt am Turm.
Scheinbar hatte jemand in der Bahn ein Handy dabei. Vielleicht waren auch die Schwestern im Krankenhaus heute ein bisschen früh dran, wie auch immer, es änderte nichts.
Tja Jungs, ihr seid zu spät, dachte er, prostete den Polizisten zu und trank den Whiskey in großen Schlucken aus.
Es wurde Zeit. Er kletterte auf das Geländer der Arbeitsbühne, sein weißes Krankenhaushemd wehte im Wind. Die ersten Sonnenstrahlen wärmten sein Gesicht, eine Träne lief seine Wange hinab. Das war es also, das Leben. Er hatte noch soviel machen wollen, es hat nicht sollen sein, der Krebs war zu schnell. Dies würde sein letzter Sprung sein, der spektakulärste, als würdiger Abschluss.
Er breitete die Arme aus, holte ein letztes Mal tief Luft und stieß sich kräftig vom Geländer ab. Der Wind schlug ihm ins Gesicht, das Hemd flatterte, er spürte, wie ihm das Adrenalin ins Blut schoss.
Ja das war es. Wie ein Vogel fliegen, Glück durchströmte ihn.
Wie in Zeitlupe sah er den Boden näher kommen.
Niemand sah das zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht, als der Aufschlag seinem Körper das Leben nahm.