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Am Scheideweg

von Roland


"Lebwohl, Spoki." Ich legte sein rotes Halsband auf den frisch aufgeschütteten Hügel. "Warst mein bester Freund." Dicht dahinter stand ein verwittertes Holzkreuz und versuchte das Grab vor dem langen Schatten des stillgelegten Bahndammes zu schützen. Die Jahreszeiten hatten die Inschrift ausradiert. Weich wehte der Wind durch die nahe gelegene Sommerlinde und streichelte ihren Duft sanft aus den gelbgrünen Blüten. Unter dem azurblauen Himmel schwebte lautlos ein Mäusebussard.

Hier traf ich zum ersten Mal diesen zierlichen, keiner Rasse und Farbe zugehörigen Hund. Seinen schwarzen, lebendigen Knopfaugen und den spitzen Ohren konnte keiner widerstehen.

Mit dem Abitur in der Tasche jobbte ich mich über den Sommer. Ich wollte unter allen Umständen Philosophie studieren, meine Mutter jedoch war dagegen.

"Philipp soll einen Beruf lernen", zwei Oktaven höher und ihre Stimme hätte ein Glas zerspringen lassen. "Der soll später das Haus übernehmen."

"Punkt!"

Immer, wenn Mutter diesen energischen Punkt vor das Haus setzte, verzog sich mein Vater resigniert zwischen seine Rosenbüsche und baute eine Wand zynisch bitterer Ausdünstung um sich auf. An solchen Tagen verdrückte ich mich durch die Hintertür und wanderte durch das kleine Wäldchen zu der angrenzenden Wiese am Fuße des Bahndamms. Im Radio hatten sie für den Abend Gewitter vorhergesagt; mir war es egal, ich wollte nur raus aus diesem kranken, gegenständlichen Dunst.

Verspielte Sonnenstrahlen und der sanfte Wind zauberten ein glitzerndes Muster in den Wald.

Der Wald trat zurück. Plötzlich schoss mir ein kleiner Promenadenmischling vor die Beine. Er jaulte erbärmlich; mit seinen Vorderpfoten kratze er an meinen Turnschuhen, sprang ein Stück vor mir her, lief wieder auf mich zu und zerrte mit seinen winzigen Zähnen an den Schnürsenkeln, als wolle er mir etwas Wichtiges zeigen. Halb verwundert lief ich lachend hinter her. Am Hang des Bahndamms schien jemand ein Bündel alter Lumpen weggeworfen zu haben.

"Haste mal 'ne Kimme?" Sprang eine drogenumnebelte Stimme daraus hervor. Ein Mann unbestimmten Alters stützte sich torkelnd auf. Der verschlissene Lodenmantel besaß die graue Farbe eines Novemberregens, und aus den derben Stiefeln starrten schmutzig braune Wollsocken. Ich hatte den Fremden hier noch nie gesehen, ein harmloser Tippelbruder entschied ich. Rotbrauner Lehm klebte seine grauen Haare an die Stirn. Die Bartstoppeln erinnerten mich an den rostigen Korkenzieher meines Vaters.

Misstrauisch, beinahe ängstlich, schaute der Mann mich mit stumpfen Augen, aus denen jedes Interesse verschwunden war, an. Aus der verkrusteten Hand starrte eine halb volle Flasche billigen Gins.

"Ich rauche nicht!", sagte ich heftiger als ich wollte und steckte die Zigaretten heimlich etwas tiefer in die Hosentasche.

Lange sagten wir beide nichts; ich wollte mich gerade verärgert abwenden, da entblößte er das Zahnfleisch und zwischen den gelben Zähnen befreite sich derselbe zynisch bittere Gestank, den ich bei meinem Vater so sehr verabscheute.

"Sie haben sich wohl verlaufen?", versuchte ich streng zu klingen.

"Geht dich gar nichts an." Der kleine Hund duckte sich verschreckt ins Gras, beäugte mich hilfesuchend und kroch dann langsam auf mich zu. Seine schwarzen Knopfaugen bettelten mich an, ihn zu befreien.

"Ich wohn' hier!" Er lächelte mit dem Mund, doch die Furchen seines ausgezehrten Gesichts drückten einen unergründlichen, sarkastischen Humor aus. Die Stimme hatte irgendwann einmal das Leben verloren. Er wollte die Flasche ansetzen, seine Hände zitterten jedoch wie Weberschiffchen, die Flasche entfiel ihm und klirrte gegen einen Kalkstein, der verloren am Abhang des Bahndamms da lag. Angsterfüllt tastete der Obdachlose mit seinen Händen umher. Auf seinen verkrusteten Händen gediehen Schwielen wie Waldpilze aus dem Moos. Sie zitterten, als er sie beinahe zärtlich wie eine verloren geglaubte Puppe aufhob und sich an die Brust drückte, um sie dann vampirgleich auf die gelben Zähne zu drücken. Bitteres Wasser lief zwischen den Bartstoppeln auf das Kinn hinunter. Ein Seufzer gequälter Erleichterung entrang sich seiner Brust, als er die Flasche absetzte; in den Augen regte sich ein Hauch von Leben.

Die Hand blieb ruhig, als er mir den Fusel zustreckte. "Trink, das hilft!"

"Ich trinke nicht", sagte ich angewidert, "es zerstört."

Unter dem Horizont kündete Wetterleuchten das bevorstehende Unwetter an.

"Ich bin gegangen." Der Obdachlose schien mich vergessen zu haben. Der Hauch von Leben in ihm hatte sich schon wieder verflüchtigt. "Die Tür habe ich zugemacht, keiner hat es bemerkt", der Mundwinkel verzog sich zu einem Lächeln. "Leise hab ich den Schlüssel umgedreht", flüsterte er kaum hörbar, "zweimal und dann in den Gully geworfen." Fieberglänzende Augen starrten mich an. "Ich hab's nicht mehr ausgehalten."

Ich meinte das Metall auf dem Betonboden der Kanalisation aufschlagen zu hören.

"Immer nur das Haus!" Es hörte sich an wie ein Mann, der in einem Eimer voll Schlamm ertrinkt.

"Wir brauchen mehr Geld für das Haus, hat sie gesagt. Wir müssen das Haus vergrößern, hat sie gesagt. Ich brauche Geld, hat sie gesagt. Ich brauche, gesagt hat sie, brauche ...", ein Schwall mir all zu sehr bekannter Ausdünstung schwappte mir entgegen. Die leere Ginflasche flog im hohen Bogen auf die rostigen Gleise.

Aus seinem verschlissenen Mantel schlüpfte eine braune Flasche. Mit dem von Hornhaut überkrusteten Handrücken köpfte er den Metallkorken. Flink, sodass kein Schaum entweichen konnte, knallte er sie auf seine gelben Zähne. Blanke Gier hinderte ihn daran, sie abzusetzen, ehe nicht der bittere Atem den leeren Boden erreichen konnte.

"Und Martin da gelassen", rülpste er, "eingeschlossen in diesen Wahnsinn."

"Dieses verfluchte Haus." Die leere Bierflasche stieg wie eine Lerche in den bedeckten Himmel, blieb sekundenlang in der elektrisierenden Luft schweben und stürzte sich wie ein Habicht auf die Erde.

"Mein Vater sagt immer, ein Haus kann man nicht umarmen." Ein kläglicher Versuch den Obdachlosen zu trösten.

Verzweifelt, als suche er ein lebenswichtiges Medikament, kramte er in seinen löchrigen Taschen.

"Haste ne' Pulle?" Er fiel wieder in die Gassensprache eines Menschen zurück, der sich aufgegeben hatte.

"Mineralwasser", sagte ich. Doch ich glaubte nicht, dass er Mineralwasser brauchte; mein Vater trank auch kein Mineralwasser. "Schnaps", erwiderte der Mann, "oder wenigstens Bier." Seine Hände streckten sich mir wie ein Verdurstender entgegen.

"Ich will trinken." Am Horizont reckte sich eine blauschwarze Wolkenwand in den Himmel, "ich muss trinken."

"Ich will nicht trinken", tobte er. Gelbgrüner Speichel lief ihm aus den Mundwinkeln zwischen den Bartstoppeln herunter. Eine Windbö sprang über den Bahndamm. Die Sonne hatte den Kampf gegen das Unwetter verloren. "Mir ist kalt." Das Gesicht war blass und kläglich, er zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub.

"Ich kann nicht aufhören zu trinken." Der größte Gaumenbeleidiger wäre ihm in diesem Augenblick wie Mana willkommen gewesen. Er sprach abgehackt, sein Atem ging stoßweise. "Ich kann nicht mal mehr aufhören mir in die Hosen zu machen."

Blendend weiße Blitze sprangen über die vorüberziehende Wolkenwand. Donner grollte wie eine herannahende Lokomotive. Eine Lerche jubilierte noch einmal leise und versteckte sich dann in dem, hinter dem Bahndamm liegendem, Stoppelfeld. Der kleine Promenadenmischling versteckte sich zitternd zwischen meinen Beinen.

"Ein Zug, da pfeift ein Zug", der Mann schnellte, wie von den Toten auferstanden, empor, "es kommt ein Zug mit Martin." Wie ein Bergsteiger kletterte er den verwaisten Bahndamm hinauf und stellte sich Hände schwingend auf, zwischen die verrosteten Gleise. Immer schneller rollte der Donner heran.

"Maartin...", das Gesicht des Tippelbruders belebte sich einige Sekunden mit dem Glanz untergegangener Zeiten.

Donner brauste in Salven über uns hinweg.

"Nimm mich mit, Martin", der Mann drehte sich um. Seine weit ausgestreckten Hände zuckten. Der Körper verkrampfte sich, sein Gesicht war schmerzverzerrt, als hätte er glühendes Eisen getrunken. Plötzlich schnellte er, wie von einem Faden gezogen, empor und blieb einen Donnerschlag lang zur Salzsäule erstarrt stehen. Zuerst unmerklich, doch dann bebte der ausgezehrte Körper immer heftiger. Zwischen den gelben Zähnen entströmte schubweise gelbgrüner, giftiger Schleim. Ein letztes Mal bäumte er sich auf und stürzte wie ein gefällter Baum den Bahndamm hinunter, überschlug sich noch einmal und landete vor meinen Füßen. Seine kümmerlichen Zähne klapperten hörbar, als er mit dem Kinn auf dem verlorenen Kalkstein aufschlug. Aus dem Mund tropfte Blut und vermischte sich mit dem letzten Rest Galle. Die gebrochenen Augen starrten in den Himmel. Blitze zuckten noch einmal darin, als schaue er zu der Hintertür seiner Hölle. Donnergrollen verlor sich in der Ferne. Wolkenfetzen flogen dem Horizont zu. Der Wind hatte aufgehört zu atmen.

An diesem Tag begann sich unser Leben zu verändern. Anfangs unmerklich. Es war, als würde man eine kalte Dampflokomotive anheizen, die sich dann langsam aus dem Bahnhof schlich, immer schneller werdend in den strahlend blauen Sommer hinein fuhr. Noch einmal schnaufend einen Berg empor klomm, um sich dann, oben angekommen, in geballte Energie zu verwandeln und ihrem angestammten Ziel zu zustreben.

Es vergingen einige Tage, bis ich meinem Vater die Geschichte erzählen konnte, und dann auch nur in Bruchstücken.

Eine Woche später nahm mich mein Vater bei der Hand; gemeinsam wanderten wir durch den kleinen Wald am Rande des alten Bahndamms zu. Schweigend saßen wir auf den rostigen Gleisen. Es war friedlich, als wäre hier niemals etwas geschehen. Ich lächelte, diese Ausdünstung schien immer mehr seine Macht über meinen Vater zu verlieren.

"Worüber freust du dich?", fragte mich zärtlich mein Vater.

"Es ist schön, neben dir zu sitzen", eine redselige Stille umarmte uns.

Plötzlich warf sich ein piepsendes, ausgezehrtes Bündel vor meine Füße. Die spitzen Ohren wackelten und seine schwarzen Knopfaugen bettelten mich an, ihn mitzunehmen.

"Ist das der Hund?", fragte mich mein Vater.

"Ja, Papa!"

"So wie du ihn beschrieben hast, sieht er nicht aus."

"Ich möchte ihn behalten."

"Gern."

Erstaunt sah ich zu meinem Vater; "und was ist mit Mutter?"

"Das regle ich." Die tiefen Furchen in seinem Gesicht glätteten sich. Mein Vater schien sich in geballte Energie zu verwandeln.

"Wenn du meinst, Papa." Amüsiert verzog ich die Mundwinkel. Da ich mich inzwischen an der Universität eingeschrieben hatte und demnächst umzog, wollte ich meinem Vater das vermeintliche Erfolgserlebnis nicht rauben.

Ich zog nach Berlin und studierte lustlos einige Semester Philosophie. Unterbrach dann das Studium und versuchte mich als Aushilfskellner. Ich begann mich gerade für Psychologie zu interessieren, da riss ein Anruf meiner Mutter mich aus meiner Lethargie. "Vater ist tot."

Beinahe das gesamte Dorf stand am Grab. Beileidsbezeigungen und Händeschütteln ließ ich teilnahmslos über mich ergehen. Ich wollte nur noch abreisen.

"Steig ein, Philipp." Am anderen Morgen stand Helmut, der alte Revierförster und Vaters bester Freund, vor der Haustür, "ich fahr dich zum Bahnhof."

"Dein Vater lebte gerne hier, er liebte es bei Sonnenaufgang mit mir ins Revier zu fahren." Der Motor des Jeeps brummte, "ich möchte bald aufhören, doch wer soll meine Arbeit im Wald übernehmen, die jungen Leute ziehen in die Großstadt und das Dorf hat keinen Nachwuchs.

"Halt an, ich bleibe", rief ich.

Ich liebe die Arbeit in meinem Revier. Durch Wälder und über Wiesen zu streichen. Das Wild hegen und pflegen. Ich liebe es das Haus in Stand zu halten und Vaters Rosenbeete.

Spoki's frisches Grab verschwand im Schatten des Bahndamms. Dahinter stand ein kleines Holzkreuz. Ich hatte es einen Monat nach dem Tod des Fremden hier aufgestellt. Zur Erinnerung an einen Menschen, der nicht mehr erfahren durfte, dass sein Leben nicht sinnlos war.

Die verwitterte Inschrift habe ich erneuert.

"Schlaf gut, geliebter Fremder."