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Über den Umgang mit unserer Sprache

von Ilschen

In freudiger Erwartung eile ich die Treppe hinab, um mich den köstlichen Frühstückskreationen meines Mannes zu widmen. Es duftet verführerisch nach Rührei mit Schinkenspeck und frischem Kaffee, der Tisch ist gedeckt und mein Ehegespons blättert bereits in der lokalen Zeitung. Da ich morgens ein klein wenig länger im Bad brauche als er, hat er die Zubereitung des Frühstücks freiwillig übernommen. Hmmm, die Rühreier sind wie immer fantastisch – locker und sahnig. Das Rezept hat er einem Roman entlehnt, in dem der Held ein Genussmensch ist. Wie schön, dass er gerade nach diesem Buch gegriffen hat.
Das Radio ist eingeschaltet und gerade beginnen die Lokalnachrichten. Ich erfahre, dass der Renner des letzten Winterschlussverkaufes, der für die Händler wieder einmal sehr zufriedenstellend war, vor allem Klamotten waren. Ferner wird mir mitgeteilt, dass mehrere Männer gefasst worden waren, die geklaute Autos über die Grenze bringen wollten. Ich runzele die Stirn, lasse mir den Appetit aber nicht verderben.
Nach dem Wetterbericht beginnt das Programm mit viel Musik und Information aus der Region. Der erste Musiktitel wird angesagt. Die Rede ist von einem Kultsong, gespielt von einer Kultband mit einem Kultstar.
Nun reicht es mir erst einmal. Ich ärgere mich über das Gehörte und frage mich, warum man derartig mit der deutschen Sprache umgeht, verfügt sie doch über einen ausreichenden Wortschatz, um diese Dinge in gepflegter Form auszudrücken. In offiziellen Meldungen möchte ich nicht in einem Gassenjargon informiert werden. Mit „Klamotte“ bezeichneten wir einmal u.a. minderwertige unansehnliche Kleidung. Verwendet heute niemand mehr das Wort „Kleidung“?
Statt über „geklaute“ Autos ließe sich doch auch über gestohlene oder entwendete Fahrzeuge berichten. Was wollen die Verantwortlichen erreichen, wenn sie sich auf ein derartiges Niveau herablassen?
Was nun den „Kult“ betrifft – anscheinend ist jeder Musiktitel, der älter als 5 Jahre ist, plötzlich Kult. Dieses Wort hat für mich jedoch eine andere Bedeutung als einfach nur „alt“ oder „populär“.
Die Verknüpfung der deutschen Sprache mit der englischen zur Erschaffung neuer Wortungeheuer ist noch ein ganz anderes Problem. Was wollen wir damit beweisen? Wie „cool“ wir sind? Wie unglaublich weltoffen? Wir regen uns darüber auf, wenn anderen Völkern ihre Kultur genommen wird, sind aber unermüdlich dabei unsere eigene zu Grunde gehen zu lassen.

Es gelingt mir, einen Teil der Zeitung von meinem Mann zu ergattern. Eine junge Journalistin berichtet über Storking. Was das wohl sein mag? Interessiert beginne ich zu lesen. Schnell wird mir klar, dass sie eigentlich Stalking meinte, sich aber nicht einmal die Mühe gemacht hatte, die richtige Schreibweise dieses Begriffes zu recherchieren. Ich blättere weiter – ah, die Kulturseite. Hier lese ich nun über Events, Performances und Open-Air-Shows und beginne zu begreifen, warum Opa Paul von nebenan schon vor Wochen seine geliebte Heimatzeitung abbestellt hat, versteht er doch schon längst nicht mehr was sie ihm eigentlich sagen will.

Ich lege die Zeitung aus der Hand, schiebe all diese Gedanken beiseite und gehe meinen täglichen Beschäftigungen nach. Der Ärger verfliegt. Bald ist meine morgendliche gute Laune wiederhergestellt. Selbst als ich am Abend das Fernsehprogramm zur Hand nehme, bin ich noch frohen Mutes. Aus Mangel an Alternativen entscheide ich mich heute für einen deutschen Fernsehfilm, den ich normalerweise auf Grund eher schlechter Erfahrungen meiden würde. Aber ich bin willens, ihm eine Chance einzuräumen. Es sind nur wenige Minuten vergangen, als ein attraktiver junger Mann auf dem Bildschirm erscheint. Er spricht die ersten Worte. „Meines Wissens nach …“ - Es läuft mir kalt den Rücken herunter. Wissen die Autoren nicht, was sie tun? Plappern die Schauspieler einfach einen Text nach ohne darauf zu achten, was sie da sagen? Womit war der Regisseur wohl gerade beschäftigt, oder all die anderen Mitarbeiter?
Ich greife nach der Fernbedienung und drücke wahllos auf einen der Knöpfe. Urplötzlich finde ich mich in der Sendung wieder, in der Landwirte ein Herzblatt suchen. Ich komme gerade recht, um Zeuge einer bedeutungsschwangeren Szene zu werden. Ein Bauer hat seine Angebetete zu einem Picknick eingeladen und spricht zu ihr die holden Worte: „Ich liebe dir, willst du mir heiraten?“
Ich verschlucke mich an meinem Rotwein und erleide einen immensen Hustenanfall. So schnell wie möglich drücke ich den kleinen roten Knopf auf der Fernbedienung.

An diesem Abend beschließe ich, das Medium Fernsehen für eine Woche zu meiden. Stattdessen werde ich lieber wieder zu einem Buch greifen. Wer weiß – vielleicht entdecke ich darin auch einmal ein tolles Rezept für unser Frühstück.