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Schritte im Schnee

von Dante


Grau. Das ist das erste Wort, das mir so spontan einfällt. Dann: Schmutzig. Schmutziges Grau. Genau so sieht er hier in den Straßen aus, durch die ich krampfhaft meine Schritte lenke, wie durch einen großen Betoncanyon. Schwarz starren die leeren Fenster der Häuser auf mich herab. Wie leere Augenhöhlen. Es ist kalt, die Frontscheiben der meisten parkenden Autos sind vereist. Ich setze meine Schritte wie programmiert, wie eine Art Roboter, bar jeglichen Empfindens – ich spüre die tiefen Temperaturen nicht, die den Boden mit Frost durchziehen und alles Leben und alle Wärme darin töten. Wie lange ich gehe, weiß ich nicht. Ich kenne mein Ziel, mehr ist nicht nötig. Die Menschen, die mir vereinzelt entgegenkommen, nehmen genauso wenig Notiz von mir, wie sie auch anderen ihre Aufmerksamkeit schenken: Gar nicht. Die Scheuklappen des gesunden Egozentrikers. Ich bemerke nichts, ich gehe einfach nur. Ganz tief in mir drin bin ich nun, dort habe ich mich verkrochen – doch auch dort herrscht ein Winter, es gibt kein Entkommen vor der Kälte.

Dann endlich, nach Jahren, stehe ich dort, wo ich hinwollte. Das Tosen unter mir reißt mich aus meiner Benommenheit. Ich stehe mitten auf einer alten Fußgängerbrücke, die die Autobahn unter mir überspannt. Die stinkenden Abgase steigen zu mir hinauf, doch ich verdränge den Geruch so gut wie möglich. Außer mir ist niemand auf dieser Brücke – gut, das macht es sicherlich leichter. Langsam, zitternd, klettere ich über das teilweise rostige, alte Geländer. Das Metall ist eiskalt, der Winter hat Eisblumen darauf hinterlassen, die ich achtlos zerbreche.
Nun stehe ich am Rand, halte mich nur noch mit den Händen an dem Geländer fest. Unter mir fahren die Autos ungerührt weiter. Ob sie das auch tun würden, wenn ich hier mit einem Backstein stehen würde, um ihn zu werfen? Aber das einzige, das hier ist, bin ich. Anscheinend kein Grund zur Sorge. Der Wind zerrt an mir, ich muss die Augen zusammenkneifen, um überhaupt noch etwas sehen zu können. Tief atme ich ein, es sticht in meinen Lungen. Wenn ich jetzt loslasse, ist es vorbei… alles, was sich in meine Seele fraß wie Säure, was mir das Atmen Tag für Tag erschwerte, mich zu erdrücken drohte. Wird es wehtun? Merke ich noch, wie ich auf dem Asphalt aufschlage? Ich stelle mir bewusst nicht die Frage, ob ich in die Hölle oder in den Himmel komme, denn diesen Glauben hat mir das Leben längst ausgetrieben. Vor mir brennt der Himmel, die Sonne versinkt hinter der Skyline, der feuchte Asphalt glänzt rötlich, wie Kupfer – irgendetwas in mir zögert. Was nur? Ich lausche in mich hinein, doch dort finde ich keine Antwort.

Plötzlich schwebt eine kleine Schneeflocke heran, wie eine Feder, und legt sich so sachte auf meine rechte Wange, dass ich es durch das Gefühl der Berührung allein kaum gemerkt hätte. Langsam schmilzt sie, und ein Wassertropfen zieht seine Bahn, bis er an meinem Kinn hinab in die Tiefe fällt. Der Strom aus Flüssigkeit versiegt nicht, wir wärmer, salziger. Zitternd ziehen mich die Hände, die vor Kälte schmerzen, wieder über das Geländer. Ich habe ihnen nicht den Befehl dazu gegeben, sie tun es einfach, selbstständig.
Ich kann nicht.
Warum?
Ich weiß es nicht.
Immer mehr Schneeflocken fallen herab und legen sich sanft auf meine Haare, mein Gesicht, meine Kleidung. Feige.
Ich bin zu feige.
Als ich dies erkenne, stößt diese Feststellung auf erstaunlich wenig Widerstand in mir. Der Schnee beruhigt mich. Gut. Wenn ich diesen letzten Schritt nicht gehen kann, bleibt mir keine andere Wahl. Langsam drehe ich mich vom Rand der Brücke weg – und gehe. Nach einigen Metern drehe ich mich noch ein letztes Mal um. Meine Schuhabdrücke zeichnen sich dunkel auf der feinen, weißen Schneeschicht ab. Es sieht aus, als wäre jemand einfach vom Himmel gefallen und hätte dort, wo ich mein Leben beenden wollte, seines erst angefangen. Ich drehe mich wieder um und mache einen Schritt nach vorne. Und noch einen. Und noch einen.
Wenn ich diesen letzten Schritt nicht gehen kann, muss ich eben viele andere gehen.