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Mein Freund Guntram

von Karin Büchel


Es gibt Menschen in unserer Nähe, in unserer direkten Umgebung, die dürfte es eigentlich gar nicht geben. Sie müssten verboten und hinter Tapeten eingekleistert werden oder auf hohen alten Eichen verhungern oder am Meeresstrand eingebuddelt werden, zwischen Wattwürmern und Seetang. Und genau von so einem Menschen handelt meine Geschichte, genauer gesagt von einem Mann.
Sein Name ist Guntram. Das ist schon Grund genug, dass es diesen Mann nicht geben dürfte, finde ich.
Guntram, was für ein Name!
Kaum auszusprechen, kaum akzentuiert zu betonen. Einfach nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben.
Ja, besagter Guntram gehört zu dem erweiterten Bekanntenkreis von mir. Ist irgendwie da hinein geraten und lässt sich nun nicht mehr verbannen.
Ein Graus von einem Mann. Er ist in meinem Alter, knapp über fünfzig, sportlich untrainiert, da er aus Kostengründen auf gesundes und gutes Essen verzichtet und entsprechend keine Muskelpakete sondern lediglich Knochen an seinen Körper trägt. Sieht immer ausgemergelt aus, zerknittert, faltig, hat aber auch Vorteile, denn eine Erkältung kann er kaum bekommen, lediglich eine Knochenfellentzündung. Na ja, gehässig will ich nicht sein, das steht mir nicht zu.
Groß ist er, leicht nach vorn herüber gebeugter Gang, graues, glattes, plattes Haar, fahle Gesichtsfarbe und eine Hakennase, über der quer eine sogenannte Nasenwurzelfalte eingelagert ist.
Sein Kinn ist so weit nach vorne heraus geschoben, dass man es fast als Auffangschale von Essensresten benutzen könnte. Es ist kantig und unsympathisch, genau wie seine Augen, die blass und leblos das Umfeld wahrzunehmen scheinen.
Inspizierend, ob es nicht irgendwo etwas umsonst geben könnte. Denn einer seiner größten Eigenschaften ist der Geiz.
Ja, so einen geizigen, berechnenden Mann habe ich noch nie kennen gelernt. Da ist Guntram wirklich ein außergewöhnliches Exemplar.
Wenn er auf einer Veranstaltung war und Prospekte am Eingang über das bevorstehende Ereignis auslagen, dann nahm er sich mit Hingabe den ganzen Stapel. Schnell und heimlich, steckte die Zettel unter seine Jacke und verbrannte sie dann bei sich zu Hause in seinem Kohleofen. So konnte er Brennmaterial sparen.
Ich sage ja, sein Geiz kannte keine Grenzen.
Vor zwei Jahren passierte es dann:
Ich hatte zum Fischessen bei mir im Garten geladen und mir allergrößte Mühe gemacht, die leckersten Fische aufzutischen. Makrelen, Lachse, Zandern, Seeteufel, Garnelen und noch einige andere Sorten, dazu Kartoffelsalat mit gehaltvoller, selbstgemachter Mayonnaise, hart gekochte Eier, garniert mit künstlichem Kaviar und Gourmet-Remoulade: Extra fettig, extra deftig, extra kalorienreich.
Guntram war auch eingeladen, kam alleine, denn eine Frau hielt es kaum länger als drei Wochen mit ihm aus und so war er mal wieder auf der Suche nach einer neuen Partnerin.
Ich eröffnete das Fischbuffet und, wie konnte es anders sein, Guntram stürmte als erster los, bewaffnet mit einem Teller und Besteck und einem gierigen Blick.
Hastig türmte er sich die verschiedenen Fischsorten auf seinen Teller, in dreifach Lage, sah jetzt so ähnlich aus wie ein Stufenteller. Unten Lachs, darauf die kleinen Garnelen, Makrelen und Heringe und oben dann ganz viel Remoulade und Mayonnaise und jede Menge hart gekochter Eier.
Oh je, dachte ich so und beobachtete ihn, wie er schnell und gierig im hinteren Winkel des Gartens saß und alles in sich hinein schaufelte. In einer Geschwindigkeit, die unglaublich war.
Zwischendurch strich er sich genussvoll mit der rechten, knorrigen Hand über seine doch recht schlaffe Bauchdecke. Und rülpste hinter seiner Serviette.
Zweimal sah ich ihn dann noch am Buffettisch stehen und sich die Leckereien auf seinen Teller laden, dann hatte ich ihn erst einmal aus den Augen verloren. Wenn man als Gastgeberin fungierte, dann musste man sich schließlich um leere Flaschen, Abfalltüten, launische Gäste, Toilettenpapier und Smalltalk kümmern. Ich hatte also alle Hände voll zu tun.
Im Laufe des Abends stellte ich dann diverse Knabbereien auf den Tisch: Salzstangen, Pralinés, Konfekt und einige Schüsseln mit Erdnüssen.
Und siehe da:
Guntram kam schon wieder heran gestürmt und machte sich über die Erdnüsse her. Genussvoll füllte er sich beide Hände, die er wie eine Schüssel geformt hatte, mit Erdnüssen und warf sie sich in den Rachen. Einfach so. Schnell und ohne Ansage.
Und dann:
Er kaute verzweifelt, versuchte zu schlucken, schnappte nach Luft und rollte seine blassen Augen. Gleichzeitig schüttelte er sich wie Espenlaub, dicke Schweißtropfen perlten von seiner Stirn, er tastete mit den Händen, als ob er Sehstörungen hätte, er stierte, schien um Hilfe zu schreien, aber die Worte blieben in seinem Hals stecken. Bedingt durch die ungehörige Menge von Erdnüssen. Und dann sackte er zusammen und fiel auf den Rasen.
So schnell, so abrupt, so unerwartet, dass mir mein Prosecco-Glas aus den Händen rutschte.
Der sofort alarmierte Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen.
Herzinfarkt, wie es hieß. Durch seinen enorm hohen Genuss von Fisch kam es zu einem Eiweißschock. Das im Eiweiß enthaltene Cholesterin hatte alle Arterien verklebt. Schnell und brutal.
Unglaublich.
Und das auf meiner Gartenfeier!
Aber gut: Guntrams Lebensende war angereichert durch viele leckere Delikatessen.
Vielleicht sollte es so enden...Gott hab ihn selig!