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Doppelhelix

von Tomite


Meine Mutter knallte mir den Teller scheppernd auf den Tisch. Suppe spritzte über den Rand und kleckerte ihre heißgeliebte weiße Tischdecke voll. Ein paar Spritzer landeten auch auf meinem T-Shirt. Aber das war wohl nicht so schlimm. Stumm sah sie mich an, mit ihren wasserblauen Augen und den rot nachgemalten dünnen Lippen, die sie zu einem weißen Streifen zusammen kniff. Mein Vater dagegen schaut ruhig auf seine Zeitung und las etwas über das Stadtfest, welches morgen anlief. Es schien ihn nicht zu interessieren. Nichts, was mit mir zu tun hatte, ging ihn etwas an. Wollte ihn nichts angehen. So ein Arsch. Ich hasste ihn.
Mürrisch starrte ich auf meinen Teller und der Appetit war mir vergangen. Aber wenn ich jetzt aufstehen würde und nichts angerührt hatte, würde meine Mutter noch mehr Terz als eh schon machen. Mann, die Alte konnte vielleicht nerven. Also aß ich brav ein paar Happen von der sämigen Suppe und hoffte ich müsste nicht gleich kotzen. Nicht, dass meine Mutter eine schlechte Köchin war, ganz im Gegenteil, aber wenn ich mich zum Essen zwingen musste, rebellierte mein Magen automatisch.
Nachdem ich also die Hälfte des Tellers gelehrt hatte, rannte ich hoch aufs Klo. So leise wie möglich versuchte ich das Essen hoch zu würgen. Ich glaubte, mein Frühstück kam mit heraus. Ich konnte meine Mutter schon hören, wie sie sagte :
"Was ist bloß mit diesem Jungen los?"
An ihre quiekende Stimme zu denken, jagte mir einen Schauer über den Rücken.
"Er nimmt bestimmt Drogen!"
Totale Empörung.
Mein Schädel brummte. Er fühlte sich an, als hätte ich mein Hirn mit herausgebrochen. Schon komisch, wie sich so etwas anfühlen konnte. Taumelnd stand ich auf und spülte mir erstmal meinen Mund aus. Der Geschmack danach war wohl noch immer das widerlichste.
Lange schaute ich mich im Spiegel an : Mein viel zu weißes, mageres Gesicht, meine hervortretenden Augen, die von dunklen Augenringen umrandet waren und einer Brille, die mich noch nerdiger aussehen ließ, als ich eh schon war. Meine Haare hatte meine Mutter mir kurz geschoren, wie immer. Sie sagte, es sei viel leichter es zu pflegen und da ich eh so faul sei, müsste ich mir nicht auch noch darüber den Kopf zerbrechen.
Aber vielleicht wollte ich das ja? Kam sie da mal drauf? Vielleicht wollte ich mich ja um meine Haare kümmern? Meine Klamotten aufeinander abstimmen? Mein Aussehen cool wirken lassen?
Aber darauf kam wohl keiner. Schließlich war ich der Loser schlechthin.
Ich seufzte. Das konnte ich wirklich gut. Luft aus meinen Lungen blasen und sie sich kümmerlich anhören lassen. Ja, darin war ich wirklich der Meister. Ich schloss die Tür wieder auf und ging gemächlich in mein Zimmer. Meine Schwester kam gerade aus ihrer Tür heraus und schaute mich abschätzend an.
Schau nicht so! Du kannst von Glück sagen, dass du wunderhübsch bist, beliebt, Freunde hast und dass dich deine Eltern lieben wie du bist. Ja du bist perfekt!
Ich hasse dich.
Schnell verschwand ich in meinem Zimmer. Schon oft hatte ich darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen.
Ich meine, wünscht ihr euch so ein beschissenes Leben?
Niemand würde um mich trauern, vielleicht meine Familie – ein bisschen. Aber Freunde hatte ich keine. Wenn ich mal drüber nachdenke, hatte ich noch nie welche gehabt. Klar, es gab zwar die Typen, die genauso waren wie ich, aber mal im Ernst, würdet ihr gerne mit denen abhängen? Wohl kaum! Und ich wollte das schon gar nicht.
Also setzte ich mich an meinen PC und schaltete ihn ein. Das Ding war schon so alt, dass es wieder Ewigkeiten dauern würde, bis er hochgefahren war. So setzte ich mich aufs Bett und betrachtete mein Zimmer. Es war so wie ich : Kühl eingerichtet, das Nötigste, Bett, Schreibtisch und ein Kleiderschrank. Mein Zimmer war ein sterilisierter Ort, genau, wie ich mich fühlte.
Endlich war alles geladen, ich setzte mich an den Schreibtisch, öffnete und schloss einige Programme. Mein Messenger blinkte und ich klickte drauf.

Hey Streber, geh deine Mutter ficken!

Du Schwuchtel! Guck mich nochmal an und ich hau dir ´n paar in deine hässliche Fresse!

So etwas bekam ich ständig. Es tat weh. Schrecklich weh. Schnell klickte ich es weg. Ich versuchte die herausquellenden Tränen weg zuzwinkern. Aber es gelang mir nicht. Heiße Flüssigkeit lief mir die Wangen hinab und Schamesröte stieß mir ins Gesicht. Ich fluchte. "Scheiße!" Meine Fäuste knallten mit voller Wucht auf die Tischplatte. Mein ganzer Körper zitterte.
Scheiße! Wieso war ich bloß so? Wieso war ich bloß so abstoßend und nicht willkommen in dieser Welt?
Jemand klopfte zaghaft an meine Zimmertür. Es war meine Mutter. Wer auch sonst? Meine Mutter war die einzige, die sich um mich kümmerte. Ich liebte sie.
"Was ist?", fragte ich heiser, obwohl es eigentlich hätte wütend klingen sollen. Erst antwortete sie nicht. Auch nach fünf Minuten nicht und ich verlor die Geduld. Wild wischte ich mir die Tränen weg und atmete einmal tief ein.
Mit einem Ruck öffnete ich die Tür und sah in ihr besorgtes Gesicht. Nur Mütter konnten ein solches Gesicht haben. Und auch nur Kinder konnten bei solch einem Gesicht brennende Schmerzen in den Eingeweiden spüren.
Misstrauisch schaute ich sie an. Was wollte sie? Mich trösten?
"Liebling", sie räusperte sich. Anscheinend hatte sie einen genauso dicken Kloß im Hals wie ich.
"Du musst dich fertig machen, wir müssen los."
Fertig machen? Wofür?
Verständnislos sah ich sie an. Aber meine Mutter schaute nur verlegen zur Seite. Sie schabte leicht mit dem Fuß über den Boden.
Was war denn heute?
Ich ging zurück zu meinem PC und schaute aufs Datum. Heute war kein besonderer Tag. Ein Tag wie jeder andere schreckliche Tag auch. Das war doch mal eine tolle Nachricht. Dann traf mein Blick aber einen kleinen Zettel der über dem Monitor meiner alten Schrottkiste befestigt war.
Auf dem kleinen gelben Zettel stand :

Psychiaterin, Donnerstag 24. 5. 09, Frau Lehmann

Ich erstarrte. Natürlich, meine Eltern wollten mich ja zum Seelenklempner schicken. Ich lachte, als ob die mit einem Schnippsen mein Leben verändern könnte. Total abwegig so was. Ich drehte mich um und schaute verwundert, als meine Mutter mit einem Lächeln plötzlich vor mir stand. Es war ein gezwungenes Lächeln, glich eher einer Grimasse. Sie hielt in einer Hand meine Jacke, in der anderen baumelten meine Schuhe.
Scheiße! Wollt ihr mich tatsächlich alle ins Knie ficken?
Ich seufzte. Warum sich wehren? War doch eh alles umsonst. Also schnappte ich mir meine Klamotten, zog sie unsorgfältig an und stapfte die Treppe runter. Meine Mutter wartete schon im Auto.
Auf dem Weg zum „Arzt“ sagte von uns beiden keiner ein Wort. Was hätte man auch schon groß sagen können, außer wüsten Beschimpfungen?
Das Wartezimmer der Psychiaterin war in sehr angenehmen Farben gestaltet. Gemütlich lehnte ich mich in einem Stuhl zurück, bis die Empfangsdame mich aufrief. Die Frau hatte mich mit einem hübschen Lächeln in Empfang genommen. Sie war echt heiß.
Dann wurde ich aufgerufen und meine Hände fingen an zu schwitzen. Ich hatte schon immer Angst fremde Menschen zu treffen. Als ich die Türklinke herunterdrückte und die Tür aufmachte, schaute mich eine Frau mittleren Alters fachmännisch an. Eine kleine Nickelbrille saß auf ihrer spitzen Nase und ließ sie unsympathisch wirken. Nix da mit Harry Potter und so. Sie lächelte ihr Psychiaterinnen-Lächeln und winkte mich herein. "Mein Name ist Frau Doktor Daniela Lehmann, freut mich dich kennen zu lernen."
Ich blieb in der Tür stehen und schaute sie direkt an.
Dann holte ich noch einmal tief Luft und sagte:
"Mein Name ist Johannes", meine Hände zitterten.
"Und ich bin schwul."